Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

430 Kurt Peball Die Offensive in Südtirol war der erste moderne Großangriff im hochalpinen Gelände. In den Kämpfen gelangten alle damals verfügbaren Kampfmittel - ausgenommen chemische Kampfstoffe — zum Einsatz. Von der Härte des Kampfes zeugen die schweren Verluste: An Gefallenen, Verwundeten, Kran­ken, Vermißten und Gefangenen verloren die Österreicher 43.000 Mann, die Italiener 76.000 Mann. Die Folgewirkungen dieser nicht geglückten Offensive waren auf Führung und Truppe der k. u. k. Wehrmacht schwerwiegend. Im Zusammenhang mit der Brussilov-Offensive in Ostgalizien gesehen erschüt­terten sie zutieft das Vertrauen der eigenen Truppen und des deutschen Ver­bündeten in das AOK und insbesondere in Conrad. Deutlich kommt das in dem in der Anlage gedruckten, vertraulichen Brief des damaligen Vertreters des österreichisch-ungarischen Außenministeriums, Dr. Friedrich Freiherr von Wiesner, an den Außenminister Graf Stefan Buriän zum Ausdruck. ANHANG 1916 Juni (25, Teschen)35) Dr. Friedrich von Wiesner, Vertreter des österreichisch-ungarischen Außen­ministeriums beim k. u. k. Armeeoberkommando, an den Außenminister Graf Stefan Buriän Original: österreichisches Staatsarchiv, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Politi­sches Archiv 1499 (Liasse Krieg 1914-1918 XLV1IH7) Streng geheim. Im Bewußtsein richtiger Einschätzung der leitenden Männer und ihrer Motive sowie in dem Gefühle der Verantwortlichkeit für die daraus gezogenen Schlüsse habe ich wie­derholt und mit gesteigerter Intensität meinen sachlich begründeten Zweifeln darüber Ausdruck verliehen, ob die bei Verdun und an unserer Südwestfront eingeleiteten Pa­rallelaktionen unseren Kräften angepaßt sind und ob sie insbesondere wohlüberlegten, vom Einheitsinteresse diktierten Plänen entspringen - dies von der Erwägung ausge­hend, daß die Kriegslage die Verfolgung von Sonderinteressen nicht mehr gestattet. Wie Sie wissen, habe ich diese Fage verneint, da ich unsere gemeinsamen Kräfte dahin einschätze, daß nur eine große, gemeinsam beratene und beschlossene, unsere gesam­ten Kraftüberschüsse zusammenfassende Offensive Erfolg verspreche, daß aber zwei Separataktionen die Gefahr der Erfolglosigkeit in sich bergen, welche in dem gegen­wärtigen Stadium des Krieges, das keine Experimente mehr verträgt, einen Mißerfolg und damit - bei dem zu Rande gehenden Menschenmateriale — einer Katastrophe gleichkäme. Ich habe mich über den Gang der Unternehmung gegen Italien trotz ihres anfängli­chen glänzenden Verlaufes niemals Illusionen hingegeben. In Erfüllung einer undank­3S) Das Schreiben ist ohne Tagesdatum, enthält aber den Kanzleivermerk In der Anlage habe ich die Ehre, Eurer Exzellenz in zweifacher Ausfertigung den adjustirten Brief Herrn v. Wiesners gehorsamst zu unterbreiten. Rappaport, m. p. Wien 27. VI. 1916.

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