Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916
Führungsfragen der Südtiroloffensive 1916 431 baren Aufgabe muß ich auf die verunglückte Offensive gegen Italien - die den Todeskeim schon vor Geburt in sich trug - zurückgreifen, denn ich muß die Richtigkeit meiner These beweisen, daß die großen militär-politischen Entschlüsse unseres Armeeoberkommandos einer kontrollierten Aufsicht bedürfen und daß diese Kontrolle — wenn wir nicht geradewegs ins Verderben gehen wollen - dringendst in die Wirklichkeit umgesetzt werden muß. So richtig es ist, daß es mit dem Vormarsch in die Lombardei alle ist, so falsch ist es, daß der Durchbruch im Osten damit im ursächlichen Zusammenhang steht. Die Offensive an der Tiroler Front in ihrer damaligen Anlage war bereits gehemmt, bevor noch die russische Entlastungsoffensive einsetzte; schon vor diesem Momente erklärte sich die Armee Dankl außer Stande weiter vorzudringen. Gleich in den allerersten Tagen war sie rechts der Etsch bei Mori stecken geblieben; kurz darauf erwies sich Corni Zúgna und Pasubio als für unsere Kräfte unüberwindlich; vor dem Monte Neregno stehen wir noch heute. Ohne Monte Baldo, ohne Corni Zúgna und Pasubio gab es aber kein Herabsteigen nach Schio. Mit den eigenen Kräften vermochte Dankl diese Hindernisse nicht zu bezwingen; die für das Debouchieren in der Ebene bestimmte Armee Kövess konnte man nicht schon jetzt verbrauchen, wollte man nicht später Schiffbruch leiden. Es fehlte also schon jetzt im Gebirgskampf an den nötigen Kräften. Um wie viel unzureichender wären wir erst unten in der Ebene gewesen. Ich bin versucht zu glauben, daß ein gütiges Geschick uns davor bewahrt hat, in die Ebene hinabzusteigen und dort - numerisch weit unterlegen — die geträumte Schlacht von Vicenza zu schlagen. Als Ding an sich betrachtet, war die Operation aus Tirol heraus strategisch genial angelegt und vielfach auch, namentlich artilleristisch, brillant vorbereitet. Phantastisch leichtsinnig und verwegen war es aber, sie mit diesem Kräfteverhältnis zu unternehmen. Die 3. Armee36) für Tirol war nicht da. Ob nun unser Armee-Oberkommando geglaubt hat, daß die bereitgestellten Truppen für seine Zwecke ausreichen werden, ob es also wieder in den alten Fehler verfallen ist, seine Kräfte nicht einschätzen zu können, oder ob es sich der Hoffnung hingab, im kritischen Momente die fehlende Armee von irgendwoher sich verschaffen zu können, ist für die Einschätzung der Verantwortlichkeit ziemlich gleichgiltig. Als sicherer Schluß aus den Ereignissen ergibt sich aber, daß unserem Armee-Oberkommando zwar militärisch glückliche Gedanken zur Verfügung stehen, daß ihm aber jener Ernst und jene Gründlichkeit, insbesondere aber jenes Verantwortlichkeitsgefühl fehlen, diese Gedanken mit den realen Verhältnissen in Einklang zu bringen. Es operiert nach der Spielregel, wer wagt, gewinnt, als ob der moderne Krieg ein ritterliches Spiel wäre. Bedarf unser Armee-Oberkommando nach dem Gesagten schon einer militärischen Kontrolle, die prüft, ob seine Gedanken durchführbar sind und die sie dann, wenn dies zutrifft, auch mit maschinenartig sicherer Organisierung ins Werk setzt (so geschah es bei Taronow-Gorlice: Conrad gab die Idee, Falkenhayn-Mackensen haben am Detail mitgearbeitet und die Ausführung besorgt; so war es gegen Serbien: der Plan war von uns, die Ausführung von Mackensen), so muß es in seinen militärpolitischen Entschlüssen, die das Kriegsziel in seiner Gesamtheit berühren, geradezu unter Kuratel gestellt werden. Von der Eitelkeit beseelt und mit der Empfindlichkeit des Neurasthenikers belastet, verträgt Baron Conrad weder Tadel noch auch eine abstrakte kritische Behandlung seiner Entschlüsse, an deren Scheitern stets andere Faktoren Schuld tragen. Aus verletzter Eitelkeit gegen den herrisch-streberhaften Falkenhayn erbost, vermag er sich eigensinnig nicht aus der subjektiven Anschauung loszulösen und auf die Verantwortlichkeit des Mannes zu besinnen, der das Schicksal der Monarchie, vielleicht jenes der Verbündeten überhaupt in den Händen hält. Hiezu treten alle die komplexen politischen Ideen, von denen jeder Entschluß bei ihm durchtränkt ist, in denen sich persönliche Gefühle der Zunei36) Gemeint ist eine zusätzliche Armee zu den angreifenden, nicht die am Angriff beteiligte k. u. k. 3. Armee.