Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

Führungsfragen der Südtiroloffensive 1916 429 zusätzliche Bataillone in Reserve. Am Tagliamento befanden sich als Heeres­reserve sechs Divisionen mit zusammen 72 Bataillonen, die im Bedarfsfall rasch an die Südtiroler Front gebracht werden konnten. An Artillerie befan­den sich im Bereich der italienischen 1. Armee 503 leichte und 348 schwere und schwerste Geschütze, die Artillerie der Festungswerke eingeschlossen. Auch für den Fall, daß den Österreichern der Durchbruch in die Ebene ge­lingen sollte, hatte Cadorna vorgesorgt. Er bereitete die Bildung einer weite­ren Armee in der Stärke von fünf Korps als Eingreifsreserve vor und erteilte zeitgerecht den Befehl, aus Albanien das XVI. Korps und aus Libyen die 48. Infanteriedivision heranzuführen. Ein Führungsfehler Cadornas bestand allerdings darin, daß er sich bei Be­ginn der Offensive von einem österreichischen Ablenkungsmanöver in der Valsugana hatte täuschen lassen und annahm, die Österreicher hätten ihr Angriffsschwergewicht von Folgaria dorthin verlegen lassen, ein Fehler, der die Italiener hohe Verluste kostete und ihre Reserven vorzeitig festlegte. Als dann die Österreicher am 29. Mai Arsiero und Asiago besetzt hatten, war al­lerdings die Verteidigung des südöstlichen und südlichen Randes der Sette Comuni bereits mit neu zugeführten Reserven möglich. Anfang Juni vollbrachte dann Cadorna noch eine bemerkenswerte Leistung auf dem Versorgungsgebiet. Innerhalb von nur vier Tagen — vom 2. bis zum 5. Juni — gelang es ihm, bei optimaler Ausnützung von Eisenbahn und Stra­ße, im Dreieck Vicenza-Padua-Cittadella fünf Armeekorps voll einsatzbereit zu versammeln, wozu 179.000 Soldaten und 35.600 Pferde herantransportiert werden mußten. Die aus diesen Korps neu aufgestellte 5. Armee hatte den Auftrag, dem Feind entgegenzutreten, sofern er in der Ebene vorstoßen soll­te. Natürlich hatte es Cadorna in der Zwischenzeit auch nicht versäumt, bei den Russen auf die zugesagte Entlastungsoffensive zu drängen, die General Brussilov dann auch am 4. Juni auslöste. IV Alle nachträglichen Kombinationen über die Erfolgsaussichten der österrei­chischen Südtiroloffensive gehören zum Verführerischen der historischen „Wenn-Fragen“, einem Gedankenspiel, dem man sich nicht immer ganz ver­schließen kann. Sicher ist jedenfalls, daß die Entscheidung dieser Offensive erst in der venezianischen Tiefebene fallen konnte. Das österreichische Gene­ralstabswerk Österreich-Ungams letzter Krieg 1914—1918 deutet das als die Möglichkeit einer „Manövrierschlacht Cadornas in der Ebene“ an34). In die­ser Schlacht wären durch schwere Gebirgskämpfe erschöpfte österreichische Truppen auf starke und unverbrauchte italienische Reserven gestoßen. Die Versorgung der österreichischen Divisionen hätte über schlechte Gebirgs­straßen erfolgen müssen, während sich die Italiener auf nahegelegene, reich gefüllte Depots hätten stützen können. 34) 4 355.

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