Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916
Führungsfragen der Südtiroloffensive 1916 425 chen Kommandos in Südtirol und deutscherseits auf den zu geringen Kräfteansatz von 14, mit zusätzlicher Artillerie verstärkten und seit Mitte April voll einsatzbereiten Divisionen hingewiesen21). Schließlich ergaben sich aus der großen Entfernung zwischen dem AOK in Teschen und dem Heeresgruppenkommando in Bozen verschiedene Vorstellungen über die örtliche Lage, was zu einer einschneidenden Veränderung des Angriffsplanes geführt hatte. War nämlich im AOK geplant gewesen, daß der Hauptstoß mit einer Armee, der 11. Armee, zu führen war und von der nachfolgenden 3. Armee dann der Stoß in die Ebene weitergeführt werden sollte, so hielt es das Heeresgruppenkommando bald wegen der bemerkbar werdenden Verstärkung der italienischen Kräfte im Angriffsraum für zweckmäßig, mit beiden Armeen nebeneinander anzugreifen. Die Italiener aber konnten zeitgerecht Verstärkungen deswegen heranführen, weil die Wetterlage den Beginn des österreichischen Angriffes immer wieder verzögerte. Der mit größter Präzision Mitte Februar 1916 begonnene Aufmarsch war schon Anfang März in heftigen Schneefällen steckengeblieben. Er konnte erst nach Besserung der Wetterlage Mitte März unter äußerst schwierigen Bedingungen, bei verschneiten Straßen und Bahnlinien im Tale und bei tiefen Schneelagen im Gebirge, fortgesetzt werden. Bis zur Beendigung der Aufmarschbewegungen Anfang April wurden dabei von Offizieren und Mannschaften unvorstellbare Leistungen vollbracht. 68 schwere, 50 Feld- und 47 Gebirgsbatterien waren in die Angriffsstellungen gebracht worden. Eine 38 cm-Haubitze war in der Nähe des Festungswerkes Lusern in 1400 m Höhe aufgestellt worden. Eine 42 cm-Haubitze war südlich des Monte Rover in 1250 m Höhe aufgefahren worden. Auf dem steilen Gipfel des Monte Vezzena (1900 m) war eine schwere 10,4 cm-Kanone transportiert worden. Je eine 42 cm-Haubitze waren bei Calliano und bei Levico eingebaut. Bei Calcera- nica wurde eine 35 cm-Kanone in Stellung gebracht. Rund 10.000 Tonnen Munition und mehr als 3000 Tonnen technisches Material waren in die neueren Geschichte Österreichs (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 20, Wien-Köln-Graz 1974) 489-492. 21) Angeführt bei Schneller Kriegstagebücher 1914—1918 1 667-750. Besonders scharf gegen die Offensive wandte sich der Generalstabschef der Heeresgruppe Erzherzog Eugen, Feldmarschalleutnant Alfred Krauss, in einem Schreiben vom 20. April 1916 an das AOK, in welchem er sehr deutlich auf eine „bei östlichen Winterstürmen“ sinnlos unternommene Operation des AOK hinwies (gemeint ist die Karpatenoffensive im Jänner 1915). Mit Genugtuung vermerkte Schneller, daß Conrad Krauss in einem Antwortschreiben vom 24. April 1916 eine scharfe Zurechtweisung zuteil werden ließ und dabei u. a. ausführte: „Das AOK trägt die volle Verantwortung für den Entschluß und die Anordnung zu dieser Offensive, sowie für den Entschluß und materielle Vorbereitung derselben. Sollte aber beim Heeresgruppenkommando die Notwendigkeit empfunden werden, daß das AOK auch die Verantwortung für den an Ort und Stelle zu beurteilenden Beginn des Angriffes auf sich nimmt, so wäre dies zu melden, wel- chenfalls ich mich nach Südtirol begeben würde, falls nicht Seine k. u. k. Hoheit der Armeeoberkommandant selbst sich dorthin begeben sollte“ (ebenda 723).