Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916
422 Kurt Peball Conrad lehnte das deutsche Ansinnen erwartungsgemäß ab. Er entschloß sich zum Alleingang. Die Gelegenheit zur „Züchtigung des Erbfeindes Italien“ schien ihm gekommen zu sein11). Erfolge auf dem italienischen Kriegsschauplatz schienen ihm außerdem erforderlich, um den Durchhaltewillen der Völker der Donaumonarchie sicherzustellen. Nicht offiziell, aber im Sprachgebrauch des AOK und der Armee erhielt die geplante Offensive daher auch den Decknamen „Strafexpedition“12). Die Ostfront hielt Conrad auch nach dem Abgang von deutschen Kräften als ausreichend gesichert. Falkenhayn hingegen ließ starke deutsche Verbände von der Ostfront für die Verdun-Operation nach dem Westen verlegen und die Versorgung der österreichischen Verbände an der Ostfront drosseln13). II Das für die Südtiroloffensive vorgesehene Kampfgebiet, die Lessinischen Alpen, sind ein durch tiefe und steilabfallende Schluchten aufgespaltenes Ge- birgsmassiv mit Kalkbergen bis zu 2000 m Höhe und nur wenigen Straßen und befahrbaren Wegen. Abgesehen vom Gebiet der Sette Comuni (Sieben Gemeinden) am Südrand dieses Gebirgsmassives mit den Hauptorten Arsiero und Asiago, gibt es dort keine zusammenhängenden „Hochflächen“. Die vorgesehenen Bereitstellungsräume für das österreichische Angriffszentrum um Vielgereuth (Folgaria) und Lafraun (Lavarone) liegen etwa 1200 Meter hoch und sind voneinander durch Gebirgsstöcke getrennt. Die damalige Reichsgrenze verlief südostwärts und südlich der genannten Orte; sie war durch mehrere Festungsanlagen geschützt14). Durch gleichwertige Festungsanlagen abgesichert war auch der italienische Teil dieses Alpengebietes, in welchem außerdem bis zum südlichen Rand der Sette Comuni drei gut ausgebaute, zum Teil ineinander übergehende Stellungssysteme verliefen. Auf österreichischer Seite führte in das Aufmarschgebiet im Nordteil der Lessinischen Al21) Vgl. Conrad von Hötzendorf Private Aufzeichnungen. Erste Veröffentlichungen aus den Papieren des k. u. k. Generalstabschefs, hg. von Kurt Peball (Wien-München 1977) 94-98 und passim. 12) Daß die Offensive „Strafexpedition“ genannt wurde, erfuhren die Italiener am 26. April 1916 durch den k. u. k. Oberleutnant d. Res. tschechischer Nationalität Anton Krecht, Zugsführer im IV. Bataillon des Infanterieregiments Nr. 81 im k. u. k. Vin. Armeekorps, der am 23. April östlich von Rovereto desertiert war; vgl. KA AOK Op. Nr. 23.468 von 1916 April 26 und Op. Nr. 23.571 von 1916 April 28 sowie Gianni Baj-Macario La „Strafexpedition“. L’Offensiva Austriaca del Trentino (Milano 1934) 132. 13) Vgl. Wendt Der italienische Kriegsschauplatz 286-289. 14) Gute Beschreibungen des Geländes und der italienischen und österreichisch-ungarischen Festungsanlagen (mit Bildmaterial) bei Gianni Pieropan 1916 Le Montague scottano. Dal Pasubio all’Altopiano dei Sette Comuni, 15 maggio - 24 luglio 1916 (Bologna 1968); Tullio Liber-Ugo Leitenpergher 1914-1918. Folgaria-Lava- rone-Vezzena-Monte Cimone-Pasubio. Attraverso una Documentazione storico-fotogra- fica (2. verb. Aufl. Trento 1971) und Schaumann Schauplätze (wie Anm. 1).