Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

Führungsfragen der Südtiroloffensive 1916 423 pen nur eine einzige voll benützbare Eisenbahnlinie, die Brennerbahn; die Linie durch das Pustertal lag nördlich der Dolomiten im Feuerbereich der italienischen Artillerie. Die operative Anlage der Offensive und deren Aufmarschbewegungen, die am 6. Februar 1916 begannen, lassen darauf schließen, daß Conrad ähnlich wie in den Karpaten im Jänner 1915 eine winterliche Überraschungsoffen­sive im Gebirge vorschwebte15). Da eine Reihe von Verbänden aus anderen Fronten herausgelöst und herantransportiert werden mußte — für diese Be­wegungen waren sechs Wochen vorgesehen -, konnte mit etwa Ende März mit dem Angriffsbeginn gerechnet werden. 1916 war zwar ein milder Winter gewesen, aber mit starken Schneefällen im Februar und März war in diesem Alpengebiet jederzeit zu rechnen. So enthielt bereits der operative Gedanke dieses Angriffes bedeutende Risi­kofaktoren, die einem Hasardspiel glichen. Dazu kam noch (und eine Reihe von Reflexionen altösterreichischer Offiziere über die hohe Führung der k. u. k. Wehrmacht, die allerdings nicht veröffentlicht sind, bestätigen die Schlüsse): In den Führungsstäben der k. u. k. Wehrmacht gab es die Eigen­heit, daß Generalstabsoffiziere ihre vorschriftsmäßig im Detail sehr sorgfäl­tig ausgeführten Operationspläne in der Regel viel lieber an Hand von schriftlichen Meldungen über die Feindlage und mit Geländekarten entwar­fen, als nach persönlich vorgenommenen Frontinspektionen16). So waren auch bei der Südtiroloffensive Aufmarsch, Konzentrierung und Durchfüh­rung zwar dem am 6. Februar errichteten Heeresgruppenkommando Erzher­zog Eugen mit Sitz in Bozen bzw. den Kommandanten der diese Heeres­gruppe bildenden 11. (Dankl) und 3. Armee (Kövess), mit Sitzen in Trient, und deren Generalstabschefs überlassen worden, aber nicht unabhängig von Einmischungen seitens des in Teschen in 700 km Entfernung amtierenden AOK. Bedingt durch diese große Entfernung mußte es natürlich zu Diskre­panzen in den Auffassungen darüber kommen, ob an Ort und Stelle auch durchgeführt werden konnte, was auf den Lagekarten im AOK oft günstiger als in Wirklichkeit aussah. Daraus kann erklärt werden, daß im AOK die Schwierigkeiten des Angriffsgeländes und die italienische Widerstandskraft unterschätzt, die Kampfkraft der eigenen Truppen und das Intuitionsvermö­gen, das Feindbild aller Fronten wirklich zutreffend zu erkennen, bedeutend überschätzt wurden. Auf der gleichen Ebene einer Unvereinbarkeit von Absicht und Wirklichkeit liegt auch die Lagebeurteilung im Zusammenhang mit der mit der Südtirol­ls) Der am 23. Jänner 1915 zum Entsatz der von den Russen eingeschlossenen Fe­stung Przemysl unternommene Angriff scheiterte nicht bloß an der starken Abwehr der Russen, sondern auch an der Ungunst der Wetterlage. Er war sinnlos und brachte lediglich den Gewinn von wenigen Quadratmetern Schnee; vgl. Norman Stone The Eastern Front 1914-1917 (London—Sydney-Auckland—Toronto 1975) 113—118. 16) Dieses Problem ist bisher noch nicht eingehender untersucht worden. Es wird aber in noch ungedruckten und im KA verwahrten Lebenserinnerungen von k. u. k. Generalstabs- und Truppenoffizieren immer wieder besprochen, so u. a. von Rudolf Kiszling, Hans Mailáth-Pokorny und Maximilian von Csicserics.

Next

/
Oldalképek
Tartalom