Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916
Führungsfragen der Südtiroloffensive 1916 421 In dieser Denkschrift führte General v. Seeckt u. a. aus:- Die Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee sind vorzüglich. Zum größten Teil kommen sie aus der Landbevölkerung, sie sind körperlich leistungsfähig und bedürfnislos sowie an Arbeit und Unterordnung gewöhnt.- Die Wehrkraft Österreich-Ungarns wird völlig ungenügend und unrationell ausgenützt. Das Wehrersatzwesen ist schlecht organisiert und versagt häufig.- Der Kräftezustand der österreichischen Soldaten sinkt während der Dienstzeit rasch ab, weil Versorgung und Fürsorge unzureichend sind.- Ausbildung und Leistung des Offizierskorps sind uneinheitlich; ein großer Teil der Offiziere eignet sich nicht für die Offizierslaufbahn.- Ausbildung und Schulung der Truppe entspricht nicht den Erfordernissen des Krieges.- Führung und Verwaltung sind schwerfällig und arbeiten zu schematisch. Verantwortungsfreude und selbständiges Arbeiten werden zuwenig gefördert.- Bewaffnung und Ausrüstung sind im allgemeinen gut; der Erhaltungszustand von Waffen und Gerät ist zum Teil jedoch völlig unzulänglich 9). Das Kernproblem aber traf v. Seeckt mit der Feststellung: „In den höheren und maßgebenden Armeekreisen besteht zweifellos eine weitgehende Erkenntnis der eigenen Schwäche. Die Mängel der Organisation und des Materials waren vielfach auch schon vor dem Krieg von weitblickenden Augen erkannt, aber gegenüber der Aussichtslosigkeit durchgreifender Besserung erlahmte die Energie. Im Krieg traten die Folgen katastrophal in Erscheinung, und die Erkenntnis von der Notwendigkeit durchgreifender Reformen und die Hoffnung auf ihre Durchführung wuchs. Es wuchsen aber auch, namentlich, als die kritischen Tage wieder einmal vorüber waren, die alte Gleichgültigkeit und die Bequemlichkeit, die heimlich sich fragte, ob es nicht doch nach dem alten, lang bewährten Schlendrian weitergehen könne. Hierzu kam die nervenbetäubende Arbeit der Presse, welche die Leistungen der österreichisch-ungarischen Armee zu einem einzigen Heldenepos erhob, die Gewohnheit aller Vorgesetzten, bis an das Überschwengliche zu loben und damit den magersten Ruhm hochzufüttern. So entstand an vielen Stellen wieder die Auffassung, daß im Grunde doch alles schön und gut in Österreich sei und daß man nicht gar so viel nach dem deutschen Vorbild zu schielen brauche“10). Falkenhayn fürchtete darüber hinaus die dauernde Bindung deutscher Truppen auf dem italienischen Kriegsschauplatz, wenn diese zum Ausnützen eines operativen Durchbruches oder zum Stabilisieren der Lage nach den erwarteten Anfangserfolgen eingesetzt werden mußten, wie dies bereits an der Ostfront der Fall war. Außerdem befand sich das Deutsche Reich damals noch nicht im Kriegszustand mit Italien. Generaloberst v. Falkenhayn forderte daher als Voraussetzung für eine Teilnahme deutscher Truppen an der Südtiroloffensive etwas, dem Conrad nicht zustimmen würde: Die Bereitstellung österreichischer Divisionen für eine Verwendung an der deutschen Westfront, zumindest aber die Ablösung jener deutschen Divisionen an der Ostfront durch österreichische Verbände, die nach dem Westen verlegt werden sollten; außerdem drohte er mit dem Einstellen der bisher an der Ostfront üblichen Versorgung der dortigen österreichischen Verbände durch deutsche Nachschubleitungen, falls Conrad seinen Wünschen nicht nachkommen sollte. 9) Ebenda fol. 20-21. 10) Ebenda fol. 26-27.