Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916
420 Kurt Peball Falkenhayn, die am 10. Dezember 1915 begannen und sich bis Anfang Februar 1916 hinzogen, diesen für ein Mitgehen zu gewinnen. Falkenhayn lehnte aber ab5). Falkenhayns Ablehnung beruhte nicht allein auf den politischen Differenzen zwischen ihm und Conrad wegen der Zukunft der Balkanstaaten Serbien, Montenegro und Albanien6), von denen der damals bedeutendste, nämlich Serbien, mit deutscher und bulgarischer Hilfe Ende 1915 besiegt worden war. Auch seine Warnungen an Conrad, Italien könne durch einen operativen Erfolg in Oberitalien - und sei dieser noch so groß — letzten Endes nicht zum „Abspringen“ von den Ententemächten gezwungen werden, weil es wirtschaftlich zu sehr von diesen abhänge, sind für Falkenhayns Ablehnung nicht allein entscheidend gewesen. Gewiß spielte dabei sein Verdun-Plan7) eine gewiße Rolle; ausschlaggebend für die damals entstandene ernste Mißstimmung zwischen ihm und Conrad waren vielmehr die entgegengesetzten Auffassungen der beiden Generalstabschefs über den Kampfwert der k. u. k. Wehrmacht. Nicht bloß aus der Rückschau von heute, die sich auf zahlreiche Akten und andere Unterlagen, Kriegstagebücher, Memoiren führender Militärs und kriegswissenschaftliche Untersuchungen stützen kann, zeigt es sich, was damals Falkenhayn schon seit längerem klargeworden war: Zwischen den Absichten der Führung und der Kampfkraft des österreichischen Verbündeten gab es erhebliche Diskrepanzen. Der deutsche General Hans von Seeckt, der seit dem Frühjahr 1915 an den von deutschen und österreichischen Truppen gemeinsam unternommenen Operationen an der russischen Front (Durchbruch von Tarnov-Gorlice, 1. bis 15. Mai 1915) und beim Herbst- und Winterfeldzug 1915/16 gegen Serbien maßgeblich mitgewirkt hatte, hat diese Diskrepanzen später, im Frühjahr 1917, in seiner geheimen Denkschrift Das k. u. k. Heer deutlich gemacht8). 5) Die Literatur zu dieser Frage ist umfangreich. Beste Zusammenfassung bei Hermann Wendt Der italienische Kriegsschauplatz in europäischen Konflikten. Seine Bedeutung für die Kriegführung an Frankreichs Nordostgrenzen (Schriften der Kriegsgeschichtlichen Abteilung im Historischen Seminar der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 11, Berlin 1936) 284-327 und Karl-Heinz Janßen Der Kanzler und der General. Führungskrise um Bethmann Hollweg und Falkenhayn 1914-1916 (Göttingen 1967) 181-187. Aufschlußreich zu dieser Frage ist auch das Kriegstagebuch des Adjutanten Conrads, Generalstabsoberstleutnant Rudolf Kundmann, der bei allen wichtigsten Besprechungen Conrads anwesend war und sein Kriegstagebuch im Aufträge Conrads führte (KA Conrad-Archiv B 13: Abschriften der stenographischen Notizbücher des Oberst Kundmann Nr. 11-30: 1915 Jänner 1 - 1916 November 9, Manuskript). 6) Vgl. Helmut Rumpler Die Kriegsziele Österreich-Ungams auf dem Balkan in Österreich und Europa. Festgabe für Hugo Hantsch zum 70. Geburtstag (Wien 1965) 465-482 und Wendt Der italienische Kriegsschauplatz 463—467. *) Dieser sah im französischen Festungsraum Verdun einen vorgetäuschten Angriffsschwerpunkt vor. Dabei sollten die Franzosen gezwungen werden, möglichst viel ihres Heeres dort zu konzentrieren und in einem deutscherseits vorbäteiteten gigantischen Artilleriefeuer verbluten zu lassen. 8) Original: Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg i. Br., Nachlaß Seeckt Nr. 247/32 fol. 1-129; Kopie: KA Nachlaß B/892 (Seeckt: Austriaca).