Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916
Führungsfragen der Südtiroloffensive 1916 419 sollte. Voraussetzung für den angestrebten Erfolg einer solchen Offensive war, daß für den Hauptangriff aus Südtirol zwanzig Divisionen bereitgestellt werden könnten und daß den Italienern bis zum Offensivbeginn an der Kärntner Front oder am Isonzo noch kein größerer Anfangserfolg in Richtung auf Wien gelungen war. Als Italien im Mai 1915 in den Krieg eintrat, bereitete die „Italien-Gruppe“ des k. u. k. Armeeoberkommandos (AOK) unter der Leitung des damals 37jährigen Generalstabsoberstleutnants Karl Schneller den gleichen Angriffsplan vor, allerdings in einer Variante,,welche die Mitwirkung von deutschen Verbänden vorsah3). Den Oberbefehl sollte das AOK mit Sitz in Klagenfurt führen. Für den Hauptstoß aus Südtirol war eine Heeresgruppe unter Erzherzog Eugen vorgesehen. Die Kriegslage gestattete es jedoch nicht, diese für September 1915 geplante Angriffsoperation durchzuführen. Am 3. Dezember 1915 wurden diese Pläne aber aktuell. Anlaß dazu war eine Anfrage des Generalstabschefs der Südwestfront am Isonzo, Feldmarschallleutnant Alfred Krauss, in welcher Weise das AOK im Frühjahr 1916 gegen Italien vorzugehen gedenke4). Es kam noch am selben Tage zu einer Besprechung zwischen dem Generalstabschef des AOK, Generaloberst Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf, dem Chef des Operationsbüros im AOK, Generalstabsoberst Hugo Metzger, und Schneller. Man kam dabei zum Ergebnis, daß jetzt die Gelegenheit gekommen sei, den alten Angriffsplan gegen Italien auszuführen, vorausgesetzt, die deutsche Armee würde mittun. Man glaubte sich zu diesem Entschluß berechtigt, weil an den österreichischen Fronten, abgesehen vom Balkankriegsschauplatz, wo noch Montenegro besetzt werden mußte — ein Unternehmen, an dessen Gelingen kein Zweifel bestehen konnte, und das dann im Jänner 1916 auch in kurzer Zeit gelang -, eine Stabilisierung eingetreten war. Conrad versprach sich von dieser Operation einen kriegsentscheidenden Erfolg, sofern es gelang, in die venezianische Tiefebene einzudringen, den Po zu gewinnen und dadurch das Versorgungsnetz der italienischen Truppen lahmzulegen. Als Kräfteansatz für den Stoß aus Südtirol waren 12 bis 14 Divisionen mit zusätzlicher Artillerie vorgesehen. Die Hälfte davon sollte das deutsche Heer stellen. Die Kärntner Front hatte zuerst Scheinangriffe zu führen und erst dann zum Angriff überzugehen, wenn die Offensive aus Südtirol den Fuß der Lessinischen Alpen und damit den Rand der Po-Ebene erreicht hatte. Conrad versuchte in mehreren Besprechungen und in einem regen Briefwechsel mit dem deutschen Generalstabschef, Generaloberst Erich von 3) KA Armeeoberkommando (= AOK) Op. Nr. 12.600 und 21.200, Offensivplan 1915 Juni 16. Vgl. auch Karl Schneller Kriegstagebücher 1914—1918 (Manuskript, 2 Bde): KA Nachlaß B/509, Originale in Gabelsberger Kurzschrift und Transkriptionen in Normalschrift, und Ludwig Jedlicka Der Kriegsbeginn und die ersten Ereignisse an der Südwestfront 1915 in den Tagebüchern des Generals Karl Schneller in Beiträge zur neueren Geschichte Österreichs (Wien-Köln-Graz 1974) 454-468. 4) Vgl. Schneller Kriegstagebücher 1914—1918 1, Tageseintragung 1915 Dezember 3. 27*