Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Kurt PEBALL: Führungsfragen der österreichisch-ungarischen Südtiroloffensive im Jahre 1916

FÜHRUNGSFRAGEN DER ÖSTERREICHISCH-UNGARISCHEN SUDTIROLOFFENSIVE IM JAHRE 1916 Von Kurt Peball Zur Erklärung historischer Ereignisse sind gelegentlich die Art und Weise, in der Entschlüsse gefaßt wurden, aufschlußreicher als die Entschlüsse selbst. Diese Überlegung spielt in der Militärhistoriographie eine große Rolle, aus der Sicht des Historikers gesehen mitunter freilich im negativen Sinne. In der müitärischen Geschichtsschreibung motivieren nämlich in der Regel na- tional-herostratische Bedachtnahmen zu einer gezielt unvollständigen Infor­mation, das heißt, es werden bewußt jene Informationsteile eines Ereignisab­laufes weggelassen, die eigene Fehler erkennen ließen, oder diese Fehler wer­den an unbedeutender Stelle der Darstellung so erwähnt, daß sie der Leser in ihrer Bedeutung im Kontext des Ereignisses nicht erfassen kann und natür­lich auch nicht erfassen soll. Weitaus die meisten Darstellungen der österreichisch-ungarischen Offensive in Südtirol im Jahre 1916 sind typisch für eine solche Manipulationsmög­lichkeit1). Ihr manipulativer Charakter wird aber transparent, wenn der Er­eignisablauf an Hand eines sorgfältigen Quellenstudiums von der Problema­tik der Führungsfragen der Offensive her betrachtet wird. I Für den Fall, daß ein Krieg allein gegen Italien zu führen sein sollte, hatten die Planungen des k. u. k. Generalstabs aus der Zeit vor dem Ersten Welt­krieg eine Hauptoperation aus Südtirol über die Lessinischen Alpen in den Raum Bassano-Strelö in der Po-Ebene vorgesehen; die an der dortigen Reichsgrenze gegen Italien in den Jahren vor 1914 besonders stark ausgebau­ten Festungsanlagen sollten zur Sicherung des strategischen Aufmarsches dienen2). Zur Flankensicherung war ein Nebenangriff aus der Kärntner Front geplant, während am Isonzo und im Küstengebiet verteidigt werden * *) *) So u. a. Anton Wagner Der Erste Weltkrieg. Ein Blick zurück (Truppen­dienst-Taschenbücher 7, Wien 1968) 133—144; Walter Schaumann Schauplätze des Gebirgskrieges II: Pellegrinopaß-Pasubio (Cortina d’Ampezzo 1973) 218—268, und Ru­dolf Kiszling Die Hohe Führung der Heere Habsburg im Ersten Weltkrieg (Wien 1977) 89-102. *) Vgl. Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv (= KA) Generalstab, Opera­tionsbüro Fasz. 38—40.

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