Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

414 Ernst Rutkowski wurden, um bei der Einbringung der Ernte eingesetzt zu werden, wurde das anders. Bauernfeind und Fischer kamen mit 30 Mann auf ein größeres Gut in der Nähe von Vercelli und hatten bald ausgekundschaftet, daß die Schweizer Grenze in der Luftlinie nur 80 km entfernt war. Darauf bauten sie ihren Fluchtplan auf. Ihr Kapital bestand aus etwas mehr als 100 Lire, die ihnen die Bewachungsmannschaft in Padula gegen Kronen umgetauscht hatte. Zur Orientierung verfügten sie über eine Bussole und über ein in der Gefangen­schaft erhaltenes Taschentuch, auf dem eine Landkarte Italiens mit den wichtigsten Städten und Kommunikationen gedruckt war. Auf dem Gutshof war es nicht allzu schwer, einen Lebensmittelvorrat für ungefähr eine Woche zu hamstern. In letzter Minute schien das Unternehmen zu scheitern, denn Bauernfeind wurde auf einen anderen Gutshof eingeteüt. Es gelang Fischer jedoch, sich mit ihm in Verbindung zu setzen und die Details der Flucht festzulegen. In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1917 entwichen beide aus den bewachten Unterkünften, trafen sich auf einem Friedhof und schlugen die Richtung gegen Norden ein. In den ersten Nächten bereiteten ihnen Reisfel­der und Bewässerungsgräben, die sie durchwaten mußten, erhebliche Schwierigkeiten, zumal sie tagsüber in ihren Verstecken meist keine Mög­lichkeit fanden, die durchnäßten Kleider zu trocknen. Nach sechs Tagen ge­langten sie bei dem Städtchen Biella in die Bergregion, und da sie jetzt erst recht Straßen und Wege mieden, blieb ihnen keine andere Wahl, als einen Bergrücken nach dem anderen zu überwinden. Je höher sie kamen, desto mühsamer und kräfteraubender wurde das Vorwärtskommen. Längst waren die mitgenommenen Lebensmittel aufgezehrt, und sie ernährten sich von Heidelbeeren. Schließlich mußten sie das Risiko eingehen, in einsam gelege­nen Almhütten Brot und Käse einzukaufen, bzw. gegen ihre wenigen Wertsa­chen einzutauschen. Müde und zerschlagen, vom Biwakieren in den empfindlich kalten Nächten zermürbt, erreichten sie endlich das Gebiet des ewigen Eises: Zur Linken lag das Matterhorn, zur Rechten das Massiv des Monte Rosa; dazwischen ver­sperrte ihnen der Furgggrat mit dem Theodulhorn, dem Breithorn und den Zwillingen Castor und Pollux den Weg in die Schweiz. Ein Hirte hatte ihnen die Gipfel bezeichnet, gleichzeitig aber eine Überschreitung der ausgedehn­ten Eisfelder für unmöglich erklärt. Das focht die beiden nicht an. Obwohl Bauernfeinds Schuhe sich in ihre Bestandteile zu zerlegen anfingen und er sie mit Wäschestücken umwickeln mußte, machten sie sich imverdrossen an den Aufstieg. Lieber wollten sie in den Bergen sterben, als in das Gefange­nenlager zurückkehren. Am 24. September erklommen sie gegen Mitternacht einen Grat, fanden aber keinen Abstieg. Bis zum Morgen hielten sie sich in dauernder Bewegung, um nicht zu erfrieren, und entschlossen sich dann zu einem Umweg. Dabei wurden sie von einer Finanzpatrouille entdeckt, die auf die Fliehenden das Feuer eröffnete. Stundenlang dauerte die Verfolgung, erst in der Dämmerung konnten sie sich in einer Schlucht in Sicherheit bringen. Seit zwei Tagen ohne Nahrung und in der Erkenntnis, daß sie nicht mehr

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