Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

Flucht aus italien. Kriegsgefangenschaft 415 lange durchhalten würden, begannen sie noch in der Nacht mit der Überque­rung des Gletschers. Nach Stunden fanden sie auf einer schneefreien Fels­platte etwas Holz und entzündeten ein Feuer, um sich gegen die Kälte zu schützen. Als es Tag wurde, kletterten sie über eine steile Wand und kamen auf eine schneebedeckte Hochfläche, die ihnen den Blick ins Tal freigab15). Tief unten gewahrten sie einige Häuser. Die Hoffnung, daß es sich bereits um einen Schweizer Ort handeln könnte, gab ihnen neue Kräfte. Der Abstieg ge­staltete sich schwierig genug, aber sie bewältigten ihn, indem sie immer wie­der Stufen in den Schnee traten und steile Abbrüche umgingen. Nachdem sie den Gletscher hinter sich gebracht hatten, ging es über Geröll und Almwie­sen rasch abwärts. In der ersten Hütte erfuhren sie zu ihrer größten Freude, daß sie tatsächlich auf Schweizer Boden waren und die nächste Ortschaft, die sie in zwei Stunden unschwer erreichten konnten, Zermatt hieß. Um 1 Uhr nachmittags des 26. September 1917 trafen sie dort ein, maßlos glücklich, aber auch total erschöpft. Einheimische und Gäste nahmen sie überaus freundlich auf, versorgten sie mit Essen und Geld und waren voll Anerkennung dieser ganz außergewöhnlichen Leistung. Derselben Ansicht war auch der Militärattachö in Bern und sogar das k. u. k. Armeeoberkom­mando, das nach ihrer Heimkehr die Vorlage von Belohnungsanträgen be­fahl16): Beiden wurde die Silberne Tapferkeitsmedaille 1. Kl., Bauernfeind auch noch das Silberne Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapfer­keitsmedaille verliehen17). Bleibt noch zu erwähnen, daß die Gewaltleistung lang wirkende Spuren hin­terließ. Die seelische Belastung war noch Wochen nach der Heimkehr nicht verkraftet, Bauernfeind laborierte bis Kriegsende an Lungenspitzen- und Bronchialkatarrh18), Fischer hatte sich ein Ischiasleiden zugezogen19). - Die Flucht des Zugsführers Alois Tolar20), die zum Abschluß Erwähnung finden soll, hatte als Schauplatz der Handlung die oberitalienische Tiefebe­ne. Tolar wurde im Verbände des k. k. Landsturm-Infanteriebataillons Nr. 6 zu­erst in Galizien (Verteidigung Krakaus im November 1914) und ab Juli 1915 auf dem serbischen Kriegsschauplatz eingesetzt, wo er bei einem Gefecht auf der Bjeloshöhe im Jänner 1916 die Silberne Tapferkeitsmedaille 2. Kl. er­ls) Ob sie bei der Überschreitung den Theodulpaß, den Breithompaß oder das Schwarztor benützten oder ob sie „wild“ über die dazwischen liegenden Grate klet­terten, läßt sich auf Grund ihrer Schüderungen nicht konstatieren. 16) AOK Op.-Abt. Nr. 46.188 v. 10. Oktober 1917 (Fsz. 146). 17) Bauernfeind: STM. 1. Kl. MBA. fol. 211 aus 100/1276 v. 1918, SVK. m. d. Kr. a. Bd. d. TM. mit Ah. Entschließung v. 26. Mai 1918, MBA. Nr. 954.055. Fischer: STM. 1. Kl. MBA. fol. 19 aus 100/1122 v. 1918. 18) Vormerkblatt des k. u. k. Garnisonspitales Nr. 2 in Wien (Spitalsakten, Garn.- Spitäler Fsz. 23). 19) Meldung in der phonetischen Kartei des BM. f. Inneres, Ref. IV/4/b. 20) Geb. i. J. 1890 in Veleslavin bei Prag. Über die Flucht vgl. das mit Tolar am 4. September 1918 beim k. u. k. II. Korps-Kommando aufgenommene Protokoll im KM 10/Kgf ZI. 95.176 v. 1918 (10-33/2612).

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