Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges
Flucht aus italien. Kriegsgefangenschaft 413 deckungslosen Fläche bemerkt zu werden, schien ihm zu groß. Außerdem war er ja in völliger Unkenntnis des Grenzverlaufes. Weit davon entfernt, die Flinte ins Korn zu werfen, suchte er weiter östlich einen Übergang über die in nord-südlicher Richtung verlaufende Kammlinie. Er fand ihn auf 2.620 m Seehöhe, ohne vorerst zu wissen, daß es sich um den Passo confinale handelte; und als er auf der anderen Seite abstieg, wußte er ebensowenig, daß er schon in der Schweiz war, denn Soldaten oder Grenzern begegnete er nicht, und den Umgang mit Menschen mied er nach wie vor. So machte er gewohnheitsmäßig auch um die nächste Ortschaft, Poschiavo, einen Umweg und wanderte nach Norden weiter. Erst am Bernina-Paß selbst, bei La Rosa, stieß er auf Soldaten, die im Gelände übten, und erkannte an ihren Uniformen, daß es keine Italiener sein konnten. Er ließ sich festnehmen und erfuhr nun aus sicherer Quelle, daß er sein Ziel erreicht hatte. Unter Bedeckung wurde er nach Zürich gebracht und auf sein Verlangen dem österreichisch-ungarischen Generalkonsul übergeben. Über Bern, wo ihn der österreichisch-ungarische Militärattachö einvernahm, gelangte er in die Heimat. Auf Grund seiner Aussagen und der Berichte seiner Vorgesetzten an der Front wurde ihm am 23. März 1918 die Silberne Tapferkeitsmedaille 1. Kl. verliehen. Hatte der Infanterist Zocher schon eine beachtliche bergsteigerische Leistung vollbracht, so wurden die physischen und psychischen Kräfte des Feldwebels Max Bauernfeind13) des k. u. k. Infanterieregiments Nr. 102 (Beneschau, Benesov) und des Oberjägers Alois Fischer14) des k. u. k. Feldjägerbataillons Nr. 2 (Leitmeritz, Litomefice) bei ihrer Flucht durch ein in der Geschichte des Alpinismus denkwürdiges Gebiet bis aufs äußerste angespannt. Die längerdienenden Unteroffiziere gleich welcher Nationalität waren das Rückgrat der k. u. k. Armee. Soldaten aus Ambition, durch die straffe Friedensausbildung gehärtet, besaßen sie alle Voraussetzungen, um im Kampfe der Mannschaft Vorbild zu sein. Sie waren in ihrer Standfestigkeit und Pflichterfüllung so leicht nicht zu erschüttern. Das haben die beiden Unteroffiziere, von denen hier die Rede sein soll, in außergewöhnlicher Weise bewiesen. Feldwebel Bauernfeind war — nach zweimaliger Verwundung zum dritten Male im Felde — am 16. September 1916 bei Nova Vas, Oberjäger Fischer am 7. August 1916 während des Ringens um den Görzer Brückenkopf in italienische Gefangenschaft geraten. Im Gefangenenlager von Padula in Süditalien lernten sie einander kennen. Dort bestand keine Aussicht auf Flucht. Als aber Ende Juni 1917 Arbeitspartien gebildet und nach Oberitalien verlegt 13) Er selbst schrieb sich Bauerfeind. Geb. am 29. Juli 1890 in Schwaderbach (Bublava) bei Graslitz (Kraslice) in Böhmen, Assj. 1911, Beruf: Maschinenschlosser, später Stickereierzeuger. Über die Flucht: KM 10/Kgf ZI. 55.993 u. 66.071 v. 1917 (10-33/718 u. 987). 14) Geb. am 23. April 1890 in Rudelsdorf (Rudoltice), Bez. Landskron (Lanskroun), Böhmen, Assj. 1911, Beruf: Heizer. Über die Flucht wie oben und AOK Op.-Abt. Nr. 46.720 v. 26. Oktober 1917 (Fsz. 148).