Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

Flucht aus italien. Kriegsgefangenschaft 409 derart echt gespielt, daß sie ihm bei mehreren Kontrollen geglaubt wurde. Auch seine gefälschten Papiere, an deren Fabrikation er sich eifrig beteiligt hatte, waren nicht aufgefallen. Von Varese hatte er sich gegen Nordosten in die Berge geschlagen, dann aber - obwohl es Nacht war — an der Grenze Schwierigkeiten gehabt, an den in Abständen von ca. 200 Schritt aufgestell- ten Posten vorbeizukommen. In den Drahtverhauen zerriß er sich seine Oberkleider total, sodaß er sie lieber gleich an Ort und Stelle zurückließ6). Sein keinesfalls attraktives Aussehen war ihm allerdings ziemlich gleichgül­tig, als er sich am 15. September 1917 um 5.30 Uhr den Schweizer Grenzern zu erkennen gab; für ihn zählte nur, daß ihm die Ausführung seines Vorha­bens gelungen war. Von den Schweizer Beamten ebenso zuvorkommend be­handelt wie gründlich über seine Erlebnisse ausgefragt, wurde er alsbald dem Generalkonsul Györgyey übergeben, der seine Heimfahrt in die Wege leitete. Vom Glück nicht begünstigt war jener Mann, dessen zeichnerisches Talent so viel zum Gelingen der Flucht Schönbergers und Harsänyis beigetragen hatte: Kadett Bernald7) wurde von den Italienern gefaßt, und sein Los war in der folgenden Zeit seiner Gefangenschaft keinesfalls beneidenswert. Jene zwei Offiziere, die als letzte das Lager verlassen sollten, kamen erst gar nicht dazu und mußten ihre Fluchtabsicht aufgeben. Der Eindruck, den die bisher behandelten Fluchtschicksale der Offiziere vermitteln, kann leicht zu der irrigen Ansicht verleiten, als ob es bei solchen Unterfangen immer so relativ kavaliersmäßig zugegangen wäre. Das traf durchaus nicht zu. Die folgenden Beispiele sollen zeigen, welches Ausmaß an Energie ein Mensch aufzubringen vermag, zu welcher Härte gegen sich selbst und zu welchen Entbehrungen er fähig ist, nur um das Ziel zu erreichen, das er sich in den Kopf gesetzt hat. Als der Knecht Johann Schaffner8) aus Groß Pertenschlag in Niederöster­reich am 25. August 1914 zum k. k. Landwehrinfanterieregiment Nr. 21 (St. Pölten) einrückte und mit dem Handgeld von 6 Kronen beteilt wurde, war das für ihn ein schönes Stück Geld. Seine Mutter hatte er schon als 6) Zwecks Anschaffung von Kleidern und Wäsche wurde Harsányi vom Militär-At- taché in Bern ein Vorschuß von 900 sFr. ausgefolgt. Anläßlich der Bewilligung der Nachtragsgebühren für die Zeit der Kriegsgefangenschaft bat Harsányi um Nachsicht dieses Vorschusses, was jedoch vom Kriegsministerium unter Hinweis auf die Höhe der Nachtragsgebühren (ca. 3.700 Kr.) abgelehnt wurde. Eine wenn auch nur teilweise Re- fundierung der Fluchtspesen wurde gleichfalls nicht bewilligt: KM 11. Abt. ZI. 24.392, 31.541 u. 32.477 v. 1917 (6-42/220, -3, -4), ZI. 4.428 v. 1918 (34-1/49). 7) Geb. am 7. Mai 1892 in Besztercze (Bistritz, Bistritia), Assj. 1913. Ob Bernald schon beim Verlassen des Lagers oder erst auf der Flucht gestellt wurde, ist nicht be­kannt. Im April 1918 befand er sich in einem Lager auf der Insel Asinara und klagte über Nerven- und Magenleiden sowie über rapides Nachlassen der Sehkraft des rech­ten Auges: KM 10/Kgf ZI. 48.888 v. 1918 (10-20/6954). 8) Geb. am 16. Februar 1892 in Neustadtl, Bez. Melk; Hzstkt. wie im Text angege­ben. Über seinen Militärdienst siehe das Grundbuchblatt (BM. f. Inneres, Ref. IV/4/b), über die Flucht die Akten im KM 10/Kgf ZI. 32.913 u. 40.340 v. 1916 (10-33/634 u. 10-33/200-79) sowie ZI. 7.736 v. 1917 (10-33/151).

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