Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

410 Ernst Rutkowski Kind verloren, und der Vater, der seinen Lebensunterhalt vermutlich eben­falls als Knecht verdiente, hatte ihm kein Startkapital für einen gehobeneren Beruf zur Verfügung stellen können. Ein eigentliches Zuhause hatte er nicht, sein Heim war jeweils der Hof, auf dem er arbeitete. Die Verdienstmöglich­keiten waren minimal, die Arbeit hart und die Freizeit gleich Null. Ein ein­fältiger Mensch war er aber sicherlich nicht, denn er brachte es während sei­ner Militärzeit immerhin zum Korporal. Das setzte schon einige Intelligenz voraus. Im Oktober 1914 kam er an die russische Front und im Juni 1915 an die ita­lienische. Im August gehörte er zur Besatzung der vorgeschobenen Kamm­stellung des Vrsic südöstlich von Flitsch, gegen die sich heftige Angriffe von Bersaglierieinheiten richteten. Wiederholt wechselten einzelne Felsennester ihre Besitzer, und wenn den Verteidigern die Munition ausging, schleuderten sie Steine auf den Feind, bis schließlich der Kampf mit der blanken Waffe ausgetragen wurde. Im Zuge dieser Kämpfe geriet Schaffner, durch zwei Streifschüsse am linken Oberarm und quer über den Brustkorb verwundet, in italienische Gefangenschaft. Bei der Durchsuchung wurden ihm 14 Kro­nen und seine süberne Uhr abgenommen; die Uhr erhielt er später zurück, das Geld nicht. Im Gefangenenlager von Fossano in Piemont, das in einer alten Fabrik eta­bliert war, hatte er über die Behandlung nicht zu klagen. Zu Arbeiten wurden die Gefangenen nicht verwendet, es sei denn, daß sie ab und zu im Wald Holz für die Küche Schlägern mußten. Von Anfang an zur Flucht entschlos­sen, nützte Schaffner einen solchen „Ausgang“, um zwei mannslange Stämmchen mitzunehmen. Aus diesen bastelte er eine provisorische Leiter, um mit ihr die Fabriksmauer zu übersteigen. Noch in der Nacht desselben Tages ging er an die Ausführung seines Planes. Zwei Kameraden schlossen sich ihm an. Als alles schlief, schlichen die drei an eine Stelle des Hofes, wo­hin normalerweise niemand kam. In aller Stille lösten sie in Ermangelung von Werkzeug mit bloßen Händen den Drahtverhau, der innerhalb der Mauer rund um das Fabriksgebäude verlief. Die Mauer überstiegen sie dann zu ei­nem Zeitpunkt, als der außerhalb derselben patrouillierende Posten am wei­testen weg war. Unbemerkt gewannen sie das freie Gelände und trachteten danach, bis zum Morgen möglichst weit vom Lager weg zu kommen. Nun begannen erst die Schwierigkeiten, denn wie sollten sie sich auf dem langen Marsch orientieren? Schaffner war sich dessen wohl bewußt gewesen, aber alle Bemühungen, in den Besitz einer Karte und eines Kompasses zu ge­langen, waren fehl geschlagen. Es blieb nichts anderes übrig, als sich nach der Sonne und den Sternen zu richten. Ein weiteres Problem war die Ver­pflegung. Der Brotvorrat, den sie sich aus dem Lager mitgenommen hatten, reichte nur für einige Tage. Da sie kein Geld besaßen und ihnen der Kontakt mit der Bevölkerung auch viel zu gefährlich schien, mußte eben ohne Geld eingekauft werden. Als Knecht wußte Schaffner genau, daß in Almhütten al­lerlei Genießbares zu holen war, und er pflegte seine Besuche stets auf jene Zeit zu verlegen, in der der Senner oder die Sennerin damit beschäftigt war,

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