Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges
408 Ernst Rutkowski handelte, die jeder Ankömmling in diesem Grenzort über sich ergehen lassen mußte, der im militärpflichtigen Alter war und der infolgedessen der Stellungsflucht verdächtig sein mußte. Zur Überraschung Schönbergers verlief das halbstündige Verhör und die Überprüfung seiner Papiere günstig. In diesen figurierte er als ein in den USA wohnhafter italienischer Staatsbürger. Schon als Kind sei er mit seinen Eltern emigriert, erläuterte Schönberger mündlich, und daher erkläre sich seine nicht ganz perfekte italienische Muttersprache; nun sei er zur Ableistung seiner Kriegsdienstpflicht zurückgekehrt, bei der Musterung aber, weil zur Zeit untauglich, zurückgestellt worden. Auch zum Nachweis dieses Sachverhaltes hatte Kadett Bernald ein Dokument meisterhaft gefälscht. Von den Beamten entlassen, ging Schönberger sogleich in südlicher Richtung am See entlang und fand gegen Mittag eine Stelle, die unbewacht war und ihm günstig erschien. Hier wartete er, in einem Felsloch versteckt und die Umgebung argwöhnisch beobachtend, bis gegen 21 Uhr, band sich Jacke und Schuhe auf den Rücken und durchschwamm den See im Schutze eines Gewitters in etwa 40 Minuten. Das Schweizer Ufer erreichte er in der Nähe von Figino, gab aber seinen Plan, zu Fuß nach Lugano zum österreichisch-ungarischen Konsulat zu gelangen, auf, da er hiezu viel zu müde war. Im Haus eines Grenzers übernachtete er, wurde am nächsten Tag (13. September 1917) den Schweizer Militärbehörden in Lugano und von diesen nach kurzem Verhör dem österreichisch-ungarischen Generalkonsul Ladislaus Györgyey übergeben. Am Tag darauf fuhr er nach Bern, wurde vom österreichisch-ungarischen Militärattachö einvernommen, und dann stand seiner Heimkehr nichts mehr im Wege. In seinem Fluchtbericht erwähnt Schönberger anerkennend das Entgegenkommen der Schweizer Behörden und die Hilfsbereitschaft der österreichisch-ungarischen Diplomaten. Letztere wieder, und zwar besonders Generalkonsul Györgyey, wußten zu berichten, daß die gelungene Flucht und das militärische Auftreten Schönbergers bei den Schweizern einiges Aufsehen erregt hatten. Aber nicht nur Schönbergers Flucht war in diesen Tagen das Gesprächsthema der Luganer Kreise. Bereits zwei Tage später stellte sich ein halbnackter Mann, dessen spärliche Bekleidung obendrein noch zerfetzt war, dem Schweizer Grenzposten in Arzo unweit von Mendrisio und behauptete, österreichisch-ungarischer Offizier zu sein. Es war der Leutnant Gabriel Harsänyi5) des k. u. k. Infanterieregiments Nr. 61 (Temesvár, Timisoara), der unmittelbar nach Schönberger durch das Loch in der Mauer des Kriegsgefangenenlagers von Pelago gekrochen war. Aus dem Kreuzfeuer der italienischen Posten hatte er sich mit Mühe in die Nacht retten können, war nach Florenz marschiert und hatte dann während seiner Reise nach Varese die Rolle des serbischen Offiziers 5) Gebj. 1895, Assj. 1915, Hzstkt.: Budapest. Über die Flucht gibt Aufschluß das mit Harsänyi am 6. Oktober 1917 beim Ersatz-Bataillon des k. u. k. Inft.-Rgt. Nr. 61 aufgenommene Protokoll: KM 10/Kgf ZI. 56.669 v. 1917 (10-33/483), ferner ebenda ZI. 2.439, 19.240, 51.629 und 54.109 v. 1917 (10-33/33, -3; 402, -2; 429 und 446).