Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges
Flucht aus italien. Kriegsgefangenschaft 407 lieh war, auf die Kameraden zu warten, suchte Schönberger schleunigst das Weite. Lebhafte Schießerei der Posten bestärkte ihn in seinem Entschluß, die Flucht im Vertrauen auf seine italienischen Sprachkenntnisse allein zu versuchen. In mehr als sieben Stunden erreichte er zu Fuß Florenz, suchte sogleich ein Hotel auf und ließ sich seine durch den nächtlichen Marsch ramponierte Kleidung säubern - eine Unvorsichtigkeit, die leicht zu seiner Entdeckung hätte führen können. Am Nachmittag begab er sich auf den Bahnhof, um mit dem Schnellzug nach Mailand zu fahren. Zu seiner Überraschung bemerkte er einen Leutnant und zwei Unteroffiziere von der Bewachungsmannschaft seines Lagers, die offenbar nach ihm fahndeten. Um nicht erkannt zu werden, bestieg er den Zug auf der dem Perron abgewendeten Seite. Aber die Gefahr war noch nicht vorbei, denn die Patrouille stieg ebenfalls ein und sah sich Waggon für Waggon einen Reisenden nach dem anderen genau an. In dieser Situation hatte Schönberger guten Grund, der italienischen Bahnverwaltung dafür dankbar zu sein, daß auch sie ihre Waggons mit kleinen Abteilen ausgestattet hatte, die der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dienten. Auf ein solches Örtchen zog er sich zurück und hatte das Glück, daß der Offizier es unterließ, auch dort Nachschau zu halten. Als der Zug in Bologna hielt und Schönberger feststellen mußte, daß seine Verfolger den Zug nicht verließen, stieg er aus und übernachtete in einem Hotel. Am folgenden Tag nahm er den Personenzug nach Mailand, stieg aber schon eine Station vorher aus und erreichte mit der Straßenbahn das Zentrum der Stadt. Hier kaufte er eine Karte von der Umgebung des Luganer Sees, studierte sie eingehend und machte sich dann auf den Weg zur elektrischen Schnellbahn nach Varese, die er aber erst eine Station außerhalb Mailands bestieg. Gegen 19 Uhr kam er in Varese an und fuhr sogleich nach Ponte Tresa weiter in der Absicht, sich noch in derselben Nacht den Fluten des Lago di Lugano anzuvertrauen. Es kam aber anders. Wenige Kilometer vor Ponte Tresa erschien ein Karabinieri und kontrollierte die Ausweise. An Schönbergers Falsifikaten fand er zwar nichts auszusetzen, interessierte sich aber intensiv für die Gründe seiner Reise. Schließlich machte er sich erbötig, Schönberger ein Hotelzimmer zu vermitteln, worauf dieser nolens volens eingehen mußte, obwohl seine Barschaft inzwischen auf 12 Lire zusammengeschrumpft war. Im Hotel legte er alles, was ihm beim Schwimmen hinderlich sein konnte, ab und begab sich an den See, um bei günstigen Voraussetzungen vielleicht doch seinen Vorsatz auszuführen. Als er im Gebüsch des Ufers herumstolperte, wurde er von einem Posten angerufen und mußte schleunigst das Hasenpanier ergreifen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Auskundschaftung einer geeigneten Stelle zum Durchschwimmen des Sees auf den nächsten Tag zu verschieben. Als er am Morgen den Gasthof verlassen wollte, wartete bereits ein Polizeiagent auf ihn, dem er auf die Polizeistation folgen mußte. Nun hieß es ruhig Blut bewahren. Nur sicheres Auftreten konnte helfen, falls nicht ohnehin schon alles verloren war. Noch war die Frage offen, ob man in ihm den entwichenen Kriegsgefangenen vermutete oder ob es sich um eine routinemäßige Überprüfung