Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges

Flucht aus italien. Kriegsgefangenschaft 403 Den enormen Schwierigkeiten zum Trotz wurde immer wieder der Versuch unternommen, auf dem einen oder anderen Weg in die Heimat zu gelangen. Wieviel Erfindungsreichtum, Mut und Entbehrungsfreudigkeit bei der Pla­nung und Durchführung des vorgefaßten Unternehmens erforderlich waren, läßt sich aus den auf uns gekommenen Berichten mehr erahnen als direkt herauslesen. Die richtigen Maßstäbe zu gewinnen, ist eigentlich nur dem möglich, der eine größere Zahl ähnlicher Fluchtschicksale zu überblicken und zu vergleichen imstande ist; hierauf näher einzugehen, ist hier leider nicht der Raum. Die Flucht in den Stunden und Tagen unmittelbar nach der Gefangennahme, also jedenfalls noch vor der Einlieferung in ein Gefangenenlager, war rela­tiv unproblematisch, wenn auch gefährlicher denn sonst. Hiefür seien zwei Beispiele gebracht. In den letzten Junitagen des Jahres 1915 begann die italienische Heereslei­tung mit der ersten Offensive am Isonzo, um in diesem Bereich die österrei­chisch-ungarische Front zu durchbrechen und in das Laibacher Becken vor­zustoßen. Die Verteidiger - zahlenmäßig und besonders artilleristisch weit unterlegen - erwarteten den Angriff in behelfsmäßig ausgebauten Stellungen, aber fest entschlossen, dem Feind eine blutige Abfuhr zu erteilen. In tagelan­gen Kämpfen wurden alle Durchbruchsversuche vereitelt. Dort, wo es den Italienern gelang, in die österreichischen Stellungen einzudringen, wurden sie im Gegenangriff wieder hinausgeworfen. Es liegt in der Natur solcher Kampfhandlungen, daß beide Teile Gefangene machen. Das war auch in dem vom k. u. k. Infanterieregiment Nr. 93 (Mährisch-Schönberg, Sumperk)J) ver­teidigten Frontabschnitt auf der Karsthochfläche von Doberdö der Fall. Am 2. Juli 1915 erzielten die Italiener einen örtlich begrenzten Einbruch, wobei sie einen Teil der 1. Kompanie überwältigen konnten. Unter den Gefangenen befand sich auch der Landsturm-Infanterist Franz Franz* 2). Die Italiener rissen ihm die müitärischen Ausrüstungsgegenstände und die Montur vom Leibe und begannen sogleich mit dem Abtransport nach rückwärts. Sie ka­men nicht weit, denn österreichisches Artilleriefeuer zwang sie zu Boden, und dann setzte auch schon der österreichische Gegenangriff mit starkem In­fanteriefeuer ein. Die Eskorte sah sich veranlaßt, am Kampfe teilzunehmen. Die Gefangenen mußten sich niederlegen und wurden mit Schlägen der Ge­wehrkolben gezwungen, als Deckung und Gewehrauflage zu dienen. Das Ge­fecht wogte hin und her, und im Trubel desselben gelang es dem Infanteri­*) Bei den in der Folge genannten Truppenteilen wird der Ergänzungsbezirk in deutscher und in der Landessprache in Klammer beigesetzt. 2) Die Personaldaten: Geburtsjahr 1887, Assentierungsjahr (Assj.) 1914, Heimatzu­ständigkeit (Hzstkt.): Mährisch-Aussee (Únov), Bez. Hohenstadt (Zäbfeh). Über die Flucht ist aufschlußreich das am 17. November 1915 mit Franz aufgenommene Proto­koll im Archiv des k. u. k. Kriegsministeriums (= KM) 10. Abt. ZI. 109.496 v. 1915 (Hinterlegungsrubrik 10-33/50-299), ferner der Mannschaftsbelohnungsantrag (= MBA.) Nr. 926.242 über die am 13. Februar 1917 erfolgte Verleihung der Silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Kl. - So nicht anders angegeben, beziehen sich die Quellen­nachweise auf die Bestände des Kriegsarchivs in Wien. 26*

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