Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges
404 Ernst Rutkowski sten Franz, sich trotz der starken Bewachung mit noch vier Kameraden in einer Doline zu verstecken. Als dann nach heftigem Handgemenge die Italiener zurückweichen mußten, verließen die fünf ihr Versteck und liefen durch das immer noch anhaltende Gewehrfeuer zu ihrer Kompanie. Einer von ihnen weinte vor Freude, als er erkannte, daß er in Sicherheit und der Gefangenschaft endgültig entgangen war. IV2 Stunden waren seit ihrer Gefangennahme verstrichen. Nach Abebben der 11. Isonzoschlacht (18. August — 13. September 1917) trat in dem heiß umkämpften Frontgebiet keineswegs Ruhe ein. Feuerüberfälle der italienischen Artillerie und nachfolgende Vorstöße der Infanterie waren an der Tagesordnung. Diese Situation war dem Einjährig Freiwilligen Feldwebel, Kadettaspirant, Franz Joseph Eisler3) seit Monaten vertraut. Er gehörte dem 1. Zug der 1. Maschinengewehr-Kompanie des k. k. Schützenregiments Nr. 20 (Stanislau, Stanislawöw, Ivano-Frankivs’k) an und war mit seinen Maschinengewehren das Rückgrat der österreichischen Verteidiger auf der Kote 807 des Madoni-Plateaus. Am 29. September 1917 setzte wieder einmal italienisches Trommelfeuer ein. Bis auf wenige Beobachtungsposten zog sich die Grabenbesatzung in die Unterstände zurück, jederzeit bereit, auf ihre Posten zu eilen, wenn der Eisenhagel nachlassen sollte. Da schlug ein Volltreffer in den Unterstand Eislers ein — nur fünf Mann überlebten, Eisler selbst wurde am Hinterkopf verwundet. Durch den Ausfall der Maschinengewehre begünstigt, konnten sich die Italiener vorübergehend in den Besitz der österreichischen Stellungen setzen. Eisler wurde aus den Trümmern des Unterstandes hervorgeholt und gefangen genommen. Man brachte ihn nach Udine in ein Spital für österreichisch-ungarische Kriegsgefangene, wo er bis zum 28. Oktober 1917 blieb. An diesem Tage wurde das Spital um 3 Uhr früh alarmiert, um nach Süden verlegt zu werden. Die Herbstoffensive der Mittelmächte hatte derart rasch an Boden gewonnen, daß der Befehl zur Räumung Udines buchstäblich in letzter Minute gegeben wurde. Deutsche und österreichische Truppen befanden sich bereits wenige Kilometer vor der Stadt. Davon hatte Eisler natürlich keine Ahnung, aber aus der Hast, mit der die Italiener den Abtransport betrieben, konnte er entnehmen, daß es schlimm mit der Sache seiner Feinde stand. Er war fest entschlossen, aus dieser Lage Vorteil zu ziehen und jede Gelegenheit zur Flucht zu benützen. Eisler wurde zu den Marschfähigen eingeteüt, und da es in Strömen regnete und die Gefangenen nur notdürftig bekleidet waren, gab man ihnen italienische Militärmäntel. Eisler ergatterte auch eine Kappe, die er aber vorerst verbarg. Der Marsch war mühsam und lange. Eine Verwundung am Fuße vorschützend, trachtete er danach, stets am Ende der Kolonne zu bleiben. Als eine Explosion unweit der Rückzugsstraße erfolgte und eine Stauung ein3) Eisler (er selbst schrieb sich Eissler) war Auslandsösterreicher und wurde am 14. Juli 1898 in Sofia geboren, Assj. 1916, Hzstkt.: Wien. Der Fluchtschilderung liegt ein Bericht Eislers vom 25. Oktober 1918 zugrunde, den er zwecks Erlangung einer Auszeichnung verfaßte: Archiv des k. u. k. Armeeoberkommandos (- AOK) Auszeichnungsgruppe TM.-Nr. 9.681 v. 1918, präsentiert am 6. März 1919 (Fsz. 1446).