Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Ernst RUTKOWSKI: Die Flucht österreichisch-ungarischer Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften aus der italienischen Kriegsgefangenschaft während des Ersten Weltkrieges
DIE FLUCHT ÖSTERREICHISCH-UNGARISCHER OFFIZIERE, UNTEROFFIZIERE UND MANNSCHAFTEN AUS DER ITALIENISCHEN KRIEGSGEFANGENSCHAFT WÄHREND DES ERSTEN WELTKRIEGES Von Emst Rutkowski Die großen Generalstabswerke der Neuzeit, Produkte der offiziellen Kriegsgeschichtsschreibung, pflegen sich vornehmlich mit den operativen Ideen der Führung und mit der Darstellung des Kampfgeschehens in seinen großen Zügen auseinanderzusetzen. Was der einfache Soldat, Unteroffizier und Subalternoffizier vollbrachte, was er — weil der Kriegsfurie auf Gedeih oder Verderb unterworfen — an seelischen Belastungen und körperlichen Strapazen auf sich nehmen mußte, findet in diesen Werken selten die gebührende Würdigung. Einzelschicksale gehen im Strudel großer kriegerischer Ereignisse eben allzu leicht unter, und keinesfalls dicht gesät sind die Zeugnisse, die über sie berichten. Meistens erhalten die Forscher und durch sie die Nachwelt nur dann Kunde von ihnen, wenn die Betreffenden freiwillig oder gezwungen ihre Erlebnisse in irgendeiner Form überliefert haben. Hier soll nun eines dieser vielen Kapitel aufgeschlagen werden. Die Zahl der in den Jahren 1914-1918 aus der russischen Kriegsgefangenschaft unter den abenteuerlichsten Umständen, oft unter Lebensgefahr und auf den mannigfaltigsten Wegen entflohenen und in die Heimat gelangten österreichisch-ungarischen Heeresangehörigen geht in die Tausende. Aus der italienischen Gefangenschaft gelang dasselbe Vorhaben nur etwa zwei Dutzend. Strenge und kompromißlose Bewachung der Kriegsgefangenenlager, keinerlei Unterstützung seitens der italienischen Bevölkerung und die durch den Mangel an italienischen Sprachkenntnissen bedingte Auffälligkeit des Flüchtenden, das waren die Gründe, warum die meisten scheiterten. Auch gab es für die Fluchtrouten nur zwei Alternativen: die Schweizer Grenze oder das Passieren der Front. Die erstere Möglichkeit schien den zur Flucht Entschlossenen entschieden günstiger zu sein, obwohl sie nicht wissen konnten, daß die Grenze zur Schweiz sehr streng bewacht war: Stacheldrahtverhaue und mehrere Kordons von Karabinieri sollten die Desertion italienischer Soldaten in die Schweiz verhindern. Der zweite Weg mußte schon deshalb als viel schwieriger gelten, weil die österreichisch-italienische Front im Stellungskrieg verhärtet war und überdies (bis zur Herbstoffensive 1917) durchwegs in gebirgigem Terrain verlief; das Risiko wurde noch insofern erhöht, als die Flüchtenden im Ergreifungsfalle den Verdacht der Spionage kaum zu entkräften in der Lage waren.