Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15

401 gemein ultramontane Entrüstung hervorrufen und die Beseitigung des Garantiegeset­zes in Fluß bringen müßte und damit große neue Schwierigkeiten für den elendesten aller Könige und seine Knappen. Aber ob man in Berlin und Wien die Gunst der Stunde begreift? J’en doute. Eine fei­nere Gelegenheit bietet sich m. E. jetzt, mit Serbien die Streitaxt zu begraben, wenig­stens für den Augenblick. Serbien ist kriegsmüde. Nun kommt Sonninos Adriaforde­rung dazu (San Giuliano hätte sie nicht erhoben, resp. nur im Geheimen). Das hat den Kerlen in Nisch ans Herz gegriffen. In Österreich sehen sie einen interimistischen De­positar, aber von dem nationalen Staat Italien haben sie, aber ganz zu Unrecht, schon deshalb eine übertriebene Vorstellung, weil sie immer Wien vor Rom zürückweichen, respektive sich an das elendeste aller Bündnisse klammern sehen. Ein Ausgleich mit Serbien beseitigte zugleich jede rumänische Gefahr und stellte die Verbindung mit der Türkei her. Denn ewig werden die braven Leute an den Dardanellen doch nicht Muni­tion haben. In Galizien scheint erneut ein Stop einzutreten. Wie rächt sich jetzt die sträfliche Leichtfertigkeit bei der Verproviantierung von Przemysl. Diese Festung im Rücken, scheint mir die San Linie nicht haltbar. Es gibt m. E. nur ein Vorwärts oder ein Zu­rück. Im Falle ad 2) aber kommen die Rumänen. Was heißt eigentlich die englische Kabinettskrise? Ist es der Ausdruck, raffen wir alle Parteien und alle Kräfte zusammen, um mit dem imversöhnlichen und so gefährlichen deutschen Feind ein Ende zu machen. Oder ist sie nur von lokaler Bedeutung? Ich fürchte, auf alle Fälle ist mit einem verstärkten Kabinett schwerer ein Ausgleich zu finden, als wie mit einem geschwächten. Was sagen die Arbeiter? Denn ich komme immer und immer wieder auf die Notwendigkeit zurück, mit England abzuschließen. Italien wird den Londoner Leuten keine Leibschmerzen machen. Im Grunde muß jeder diesen lausigen Staat verachten. Und doch, so schwach wie er ist, so heimtückisch ist er, und je eher er in seine Atome zerfällt, je besser für Österreich. Als Konkurrent am Balkan ist er immer gefährlich, während Kleinstaaten, selbst ein vergrößertes Piemont nie sehr ernst zu nehmen sein werden. Die Lusitanianote ist sehr dreist. Ja, was muß sich Europa jetzt von den Yankees bie­ten lassen? Aus der Sache kann eben m. E. höchstens ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen resultieren und auch das halte ich für nicht wahrscheinlich. Wilson muß Rücksicht auf Deutsche, Iren, Juden, Russen nehmen. Und damit ad finem. Möge uns bald ein Wiedersehen unter erfreulicheren Umständen beschert sein. In aufrichtiger Verehrung stets Ihr ergebenster A. Monts Mitteilungen, Band 31 26

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