Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15

398 Fritz Fellner Inzwischen ist ja Mancherlei passiert. Unerfreulich ist der zähe Widerstand der Fran­zosen. Hoffentlich ermöglicht die jetzt frei gewordene Armee von Antwerpen nebst Ih­rem Artilleriepark (in dem sich auch Ihre trefflichen Mörser befanden) einen schnelle­ren Fortgang der Aktion. Aber die Korps, die nach Osten gingen, fehlen natürlich. Üb­rigens wird fortgesetzt für neue Armeekorps gesorgt. Jetzt gehen wieder dergleichen nach Frankreich, und sind für drei Tage alle Schnellzüge im Westen suspendiert. Wir dürften, von selbständigen Landsturm-Formationen und Landwehr-Divisionen abge­sehen, jetzt mehr als 50 Korps im Felde haben, eine in der Tat ungeheure Anspannung. Serbien scheint ja der Erledigung nahe. Aufteilung zwischen Sie, Bulgarien, Albanien; aber da wird Italien gleich mit offenen Händen dastehen. Seien Sie large, geben Sie ihm Albanien, resp. seine Häfen und das Protektorat über Albanien, nb. ein Danaer- Geschenk. Mit Montenegro werden Sie auch temporisieren müssen wegen des Re, der schließlich doch zu unserer Partei in Rom, wenn auch verbissen und ä contrecoeur hält. Der Abgang San Giulianos ist ein Schlag. Also doppelte Vorsicht den dortigen Kanail­len gegenüber. Wenn wir erst zuhause sind, so wird sich Alles finden. Wie geht es denn mit Polen? Auch hier scheinen Enttäuschungen zu kommen. Aus ma­teriellen Gründen wollen recht Viele - Industrie, Export, auch die Bauern - am lieb­sten bei Rußland bleiben. Auch wirkt unsere Polen-Politik nach und trotz Allem der allslavische Gedanke. Ob es gelingt, die Ukraine nach dem zu erhoffenden Siege bei Lemberg zur Erhebung zu bringen? Ob endlich der Halbmond sich rührt und ob die Bulgaren losgehen? Ich würde einen Kampf derselben mit Griechenland nicht ungern sehen, da Sie sich das Andrässy-Fenster in Saloniki öffnen müssen. Sie berühren in Ihrem letzten gütigen Brief die den Franzosen zu stellenden Bedin­gungen. Ob man überhaupt eine größere Kriegsentschädigung aus ihnen herauspressen kann? Die Kolonien und Beifort, Briey und der Vogesenfuß wird schon schwer zu er­streiten sein. Aber ob sie überhaupt, auch nach einer Delogierung ihrer Feldarmee aus den jetzigen, festungsartigen Linien zum Frieden bereit sind? England wird hetzen und schüren, wenn auch schließlich Paris damit das Loos von Antwerpen bereitet wird. Mit England sehe ich absolut keine Friedensmöglichkeit. John Bull ist verbissen und trotz aller unserer technischen Mittel sitzt er doch sicher auf seinem Eiland. Immerhin wird ihm die bevorstehende Sperrung des Kanals durch neue Krupp Flachbahnge­schütze (die fleißige Bertha ist ein Mörser) keine Freude machen. Immerhin kann ich mir sehr wohl eine längere Kriegsdauer mit England als nicht zu schwierig vorstellen, wenn Frankreich klein beigibt. Dann sind unsere Heere für Ruß­land frei und dort sitzt der Hauptfeind, viel gefährlicher als die Westmächte, weil ein neuer Attila oder Tamerlan schließlich kommen kann und dann wehe uns. Die heuti­gen Machthaber sind Schwächlinge und Esel, aber das russische Volk mit seiner ka­ninchenhaften Vermehrung könnte bei seiner stumpfen Apathie, fanatisiert und richtig geführt, entsetzliche Stürme über Europa herauf beschwören. Schon jetzt ist die Nie- derkämpfung unendlich gefährlich und mühsam. Also da muss ein solider Wall er­richtet werden, so unbequem und unerfreulich auch Manches sein wird. Doch das wis­sen Sie Alles besser. Für heute ein herzliches Lebewohl stets Ihr Ihnen aufrichtig ergebener A. M. Nachschrift: In zwei Tagen dürfte mein Vertrauensmann nach München heimkehren, Tschirschky würde ihm einen eventuellen Brief behändigen, auch würde T. Briefe an mich via Auswärtiges Amt Berlin an mich befördern.

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