Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15

Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich 399 Berlin, 31. Oktober 1914 Hotel Bristol Mein lieber, verehrter Herr Professor! Für Ihren so interessanten Brief danke ich vielmals. Er hätte mich noch mehr gefreut, wenn er nicht über Polen und Ukraine soviel Unerfreuliches melden mußte. Ich habe seinen Inhalt im Hauptquartier bekanntgegeben. Immerhin ist zu bemerken, daß ein Sieger unverhofft Freunde und Anhänger findet. Aber eben die erste Frage ist es, die uns zunächst beschäftigen muß, die des Sieges. Ich kann es nicht leugnen, daß der schleppende Gang in Ost und West, das Zurück von Hindenburg, die Unzulänglichkeit vieler Führer mich mit Sorge erfüllt. Aber ich richte mich immer wieder auf am An­blick des herrlichen deutschen Volkes und der ungeahnten, in ihm schlummernden Ei­genschaften und Kräfte. Jeder einzelne Soldat ist so felsenfest von seiner Überlegen­heit überzeugt, er weiß genau, daß er siegen muß, die ganze Nation ist hoffnungsfreu­dig, wenn sich auch die Einsichtigen nicht verhehlen, daß große Fehler gemacht wur­den und daß auch bei uns der Generalstab nicht das leistet, was man zu erwarten be­rechtigt war. Unsere besten Generale sind die Zylinder-Generale, die sich nicht der Gunst und Gnade von Oben erfreuten und in den Schatten vorzeitig traten: Hinden­burg, Beseler, Falkenhausen; letzterer verteidigt jetzt musterhaft das Eisass, wo das Teekind Hüne elend versagte. Moltke ist und blieb immer nur ein mediocre ingenium, doch war er in allem maßvoll, pflichttreu und zielbewußt. Sein Niederbruch ist ein physischer, er hatte eben eine Karlsbader Kur beendet, als es losging. Übrigens ist und bleibt er im Hauptquartier. Was Falkenhayn leistet, ist noch unklar. Ich fürchte, er geht zu leicht mit dem kostbaren Material um. Die Prinzen haben sich als das erwie­sen, was sie auch im gewöhnlichen Leben sind, gut war Bülow, die anderen, auch die meisten Korpsführer schlechter Durchschnitt. Leider ist Joffre ein wirklicher Heerfüh­rer. Aber nach allen Nachrichten sind die Franzosen am Ende ihrer Kunst. Hoffen wir, daß es bald, sei es in Lille, sei es in Verdun, zum Durchbruch kommt. Wird nun Allah seinen Getreuen günstig sein? Wir haben den Moslims viel gegeben. Hoffentlich säubert zunächst Souchong das schwarze Meer. Die Truppen am Sinai ge­hen auch vorwärts. Man meint hier, daß Rumänien still bleibt. Bussche und Czernin streuen auch Gold aus. Ich hoffe, daß Italien sich weiter ruhig verhält. Aber sicher ist man nicht. Wenn es sich nur in Albanien festbeißen und in Konflikte mit dem griechischen Gesindel kom­men wollte! Ihre Anfangsfehler mit Serbien werden hier viel beklagt. Über die Größe Ihrer Verlu­ste bei dem Rückzug Brudermann-Auffenberg ist man hier nicht genug unterrichtet. Aber man traut mehr den russischen Meldungen, die die Zahl der verlorenen Kanonen richtig angeben. Wir müssen ja stark auftragen und viel verschweigen, schon damit die Neutralen eine richtige Proportionale ziehen zwischen den feindlichen und unseren Bulletins. Andererseits wurden die Hoffnungen des eigenen Volkes durch die konstan­ten Siegesmeldungen in unliebsamer Weise überspannt. Und nun kommen die nicht endenden Verlustlisten und die allgemeinen Sorgen. Die Neutralen sind natürlich auch ein Gegenstand der Sorge, namentlich Amerika, das je länger je mehr unter dem Weltkrieg leidet. Die Amerikaner machen uns für densel­ben verantwortlich und könnten leicht an den bisher beobachteten Punkten zu einer für uns unfreundlichen Neutralität abschwenken, dabei auf Frieden drückend. Im amerikanischen Sinne wäre derselbe nur auf Grund des status quo ante bellum richtig. Auch deshalb sind Fortschritte im Westen und in Galizien dringend nötig. Vor Allem aber ist es nötig, neue Truppen auszubilden. Denken Sie daran, was Österreich 1809, was Scharnhorst 1813 leistete, wie mit ein wenig Geld und Waffen schließlich große Armeen aufgestellt wurden und wie es gelang, allen Kleinmut zu bannen.

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