Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15
Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich 397 auch Kompensationen gefunden, während allerdings senex Goltz in wirklich seniler Weise den Belgiern von ihrem berechtigten Patriotismus vorquatscht. Der Hauptfeind ist und bleibt Rußland. Das wenigstens muß mit dem unendlichen Blut erreicht werden, daß hier eine wesentliche Schwächung des Kolosses und Abtrennung weiter Gebiete erreicht wird, da wird auch England kaum opponieren. Aber da die erhoffte Entscheidungsschlacht in Galizien ausblieb, wird kaum vor dem Frühjahr an weitere Schläge gegen das Innere Rußlands zu denken sein. Und auch hier müßte eine innere Bewegung, ein politischer Aufstand und ein Einfall der Türken zu Hilfe kommen. Also, lieber Freund, die Aussichten sind nicht eben glänzend. Zu essen dürften wir nach der guten Ernte bis auf Weiteres haben, aber wird der Geldstrom ewig flüssig zu halten sein? Ja, die übermächtige politische Konstellation erweist sich auch nach Niederlagen als entsetzlich. Inzwischen brachte bei uns die Anleihezeichnung einen nicht erhofften Erfolg. Wir haben auf längere Zeit Geld, wenn auch angeblich die Armee auf Kriegsfuß monatlich l'fa Milliarden kostet. Steuern p. p. gehen auch bisher regelmäßig ein, ja es zirkuliert noch ziemlich viel Geld im Lande. Man will alles gelbe Metall in der Reichsbank konzentrieren. Ich halte einiges Gold im Verkehre für nützlich, weil es den Glauben an den Gleichwert des Papieres so aufrecht erhält, besser als 1 oder 2 Prozent höhere Golddeckungen. Aber bei Ihnen? Die finanzielle Deroute fürchte ich, wird groß sein. Auch scheint man nicht glücklich zu operieren, z. B. alter Mais, der bei Ihnen in großen Massen vorhanden, wird nicht nach Deutschland gelassen, wo er zu Futterzwecken nützlich wäre. Auch Gerste lassen Sie nicht heraus, die für die Bauern hier willkommen wäre. Wie steht es mit Petroleum? Wohl vielfach in russischer Hand! 23. 9. 1914 Eben meldet mir telefonisch mein Vertrauensmann, daß er heute reist. Ich hoffe also, daß schon morgen diese Zeilen Sie treffen. Italien scheint nach den allerletzten Meldungen sich ruhig zu verhalten. Vide Beschluß der Sozialisten. Das Zentrum der französischen Aktion ist Mailand, Fratelli Gondrand, die große französische Speditionsfirma war seinerzeit das leitende Büro. Darnach konnten wohl die Truppen aus Tirol am füglichsten nach Galizien gehen. Denn nach Allem muß dort eine immer noch sehr bedeutende Übermacht bestehen. Das Gleiche gilt wohl an der Aisne. Aber trotzdem gehen wir sicher, wenn auch langsamer wie gehofft, und Moltke und seine Leute sitzen in Luxemburg und ziehen die Drähte, einige mindere Feldherrn sind ja auch schon beseitigt. Aber sicher würden wir nicht den Kampf an der Aisne aufgenommen haben, wenn nicht begründete Aussicht wäre, ihn siegreich durchzufechten. Inzwischen mehren sich ja englische Friedensstimmen. Auch die wirtschaftliche Depression wird wirken. Dazu noch die doch bedrohte Flotte, viele doch nicht unbeträchtliche Verluste. Ja, je eher man mit den Westmächten ins Reine käme, je besser; aber auch hier müssen Krupp und Gen. wohl noch weiter reden, ehe man bei unseren Gegnern einig wird. Rußland gegenüber aber gibt es keinen Pardon. Die Anlage möge Ihnen zeigen, daß ich nach dieser Richtung auch journalistisch tätig bin. Schreiben Sie mir bitte gelegentlich, auch wenn Sie wünschen, daß irgend Etwas unter der Hand in unser Hauptquartier kommt. Sie können ja geschlossen schreiben. Haimhausen, 15. Oktober 1914 Verehrter Herr Professor! Eine schnell sich bietende Gelegenheit läßt mich an Sie via Botschaft einige Worte des Dankes für Ihren letzten interessanten Brief richten.