Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15

Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich 393 Käme es aber wider Erwarten zum Weltkrieg, wer kann die Dinge in Petersburg ganz richtig einschätzen, so würden jetzt Bulgarien, Rumänien und vor Allem die Türken mit Ihnen und uns gehen. Ich fürchte den Krieg nicht, aber ein Unglück wäre er unter allen Umständen. Wie geht es Ihnen? Mir nicht besonders, der Schlaf läßt Alles zu wünschen übrig, viel Kopfweh, es kommt so manches noch. Doch nun Gott befohlen, möge bald das Lied vom Prinz Eugen vom rechten Donauufer herüber klingen. Vale faveque A. M. Haimhausen, 28. Juli 1914 Sehr geehrter Herr Professor! Vielmals danke ich für Ihre gütige Depesche. Inzwischen gehen die Dinge weiter ihren Weg. Die große Frage ist und bleibt, ob Weltkrieg, ob lokaler Kampf. Daß dieser letz­tere, um das zunächst zu besprechen, vermieden wird, hielte ich für einen großen Feh­ler. Die Serben müssen einen Denkzettel erhalten, sie müssen zur Zahlung der Kriegs­kosten angehalten werden, vor Allem aber können Sie nicht noch einmal Ihre Armee zu einer sozusagen lächerlichen Rolle verurteilen. Neben etwaigen Unterhandlungen müssen die letzten Vorbereitungen getroffen und der Einmarsch beschleunigt werden. Wenn sich in dieser Beziehung Zögerungen oder gar Angstmeierei (am Ballplatz) erge­ben sollten, so wäre die Note ein neuer Fehler in der unabsehbaren Fehlerkette Ihrer Orientpolitik. Nun der Weltkrieg. So beschämend das für Europa und für das 20. Jahrhundert auch sein mag, die Entscheidung liegt bei dem Jämmerling Nicolaus. Aber nach Allem käme Rußland, das zarische Rußland bei dem Zusammenstoß sicher unter die Räder. Man wird dort bluffen und Sie in Angst zu setzen suchen, aber zugreifen wird man nicht. Die Franzosen wollen absolut keinen Krieg und es ist sehr fraglich, ob nicht der An­griff Rußlands den Zweibund sprengt. In England scheint sich das bessere Gefühl, das Anstandsgefühl zu regen und die Überzeugung, daß Österreich gar nicht anders han­deln konnte, wollte es sich nicht selbst aufgeben. Wie dem auch sei, ein solcher Mo­ment, um mit Serbien abzurechnen, fast hätte ich gesagt mit Rußland, findet sich nie wieder. Denn was ist denn Serbien anderes als ein Vorposten Rußlands, als eine Klammer, die den Ring um Ungarn schließen soll. Die ganze serbische Politik wurde ja von der subversiven Seite des Petersburger Auswärtigen Amtes geleitet und Ehren- Hartwig hat sicher um das Attentat gewußt. Diese Leute waren der Überzeugung, daß Sie auch das sich bieten lassen würden und daß nach dieser Erniedrigung der Zerfall des Reiches nach dem Tode des alten Kaisers automatisch eintreten müsse. Käme es aber, mir absolut unwahrscheinlich scheinender Weise, zum Weltkrieg, so bin ich der festen Überzeugung, daß Rußland zunächst glänzend besiegt wird. Die Russen konnten nie Truppen führen und richtig verwenden, ihre Effektivstärken waren meist kaum die Hälfte des Soll-Etats. Innen-Rußland würde solche Garnisonen verschlingen, jeder Bahn-Meter müßte gegen innere Feinde bewacht werden, Petersburg allein ab­sorbiert sicher ganz das Garde-Korps, daß von einer numerischen Überlegenheit gar keine Rede sein wird. Gefährlicher wäre die französische Armee. Aber ob die mittut? Ob sich die Franzosen nicht zunächst auf Mobilmachung beschränken? Indes selbst im schlimmsten Falle glaube ich, daß wir auch nur mit 2h der Feldarmee ihnen gewachsen wären und daß die bessere Qualität die Überzahl ausgleichen würde. Wie entsetzlich freilich das Morden sein würde, wie schrecklich ein Weltkrieg wäre, wie sich jeder einzelne kultivierte Europäer dagegen sträuben muß, gegen Turcos und Kosacken, die viehähnlichen Russen und Asiaten zu kämpfen - der Einsatz ist ein zu ungleicher -,

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