Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15
392 Fritz Fellner rich Thimme 1932 verstand, kann man wohl heute den Satz zitieren, mit dem er die von ihm besorgte Auswahl aus den Briefen des Grafen Monts vorstellte: „Aber wenigstens hält seine Korrespondenz dem deutschen Volk einen Spiegel vor Augen, der es der Erkenntnis der historischen Wahrheit über die Epoche Wilhelms II. um vieles näher zu bringen vermag. Es ist, so darf man sagen, ein klarer und reiner Spiegel, nicht wie so manches andere Memoirenwerk ein Hohlspiegel, in dem sich die Wahrheit verzerrt!“ 15) ANHANG Haimhausen, 25. Juli 1914 Sehr geehrter Herr Professor! Die gegenwärtige Krise drückt mir die Feder in die Hand, da ich leider nicht zu dem mir immer so wertvollen mündlichen Gedankenaustausch mit Ihnen gelangen kann. Wie die Note entstand, kann ich mir denken, Berchtold wurde überstimmt von Kroba- tin, Bilinski und Tisza, verfaßt hat sie wohl Forgäch-Biegeleben. Daß Serbien nachgibt, halte ich für ausgeschlossen. Die jetzigen Machthaber wissen, daß ungünstigen Falles ihnen nach Niederlage ihrer Armeen nur das passiert, was ihnen im Falle der Annahme des Ultimatums jetzt gleich geschieht: Herauswurf. Aber auf die Kerle kommt es ja jetzt gar nicht an, die Frage des Weltkrieges liegt bei Ihnen und an der Newa zur Enscheidung. Vermieden wird er sicher, wenn Sie absolut auf keine wohl heute eingelangten russisch-französischen Einreden eingehen, die Frist nicht verlängern und sofort losschlagen. Ich weiß nicht, wie weit Ihre Vorbereitungen gediehen sind, aber einstweilen beherrschen doch Ihre Monitors die Donau. Schnell, schnell vorwärts; keine Lehren sind eindringlicher, wie die auf dem Schlachtfelde erteilten und vor dem fait accompli beugt sich Alles, wie die Geschichte immer wieder lehrt. Zögern Sie oder erleiden Sie Schlappen, so haben die Panslavisten in Petersburg Zeit und Grund, um den erbärmlichen, aber friedliebenden Zaren an die Wand zu drücken, unter gleichzeitiger Aufstachelung der Massen in Paris durch die vorzügliche Iswolski-Tardieu’sche Pressmaschine. Der Fall ist freilich auch denkbar, daß trotz Ihrer Energie, Rußland doch vorgeht, weil es fühlen muß, daß Ihr Ultimatum beinahe mehr noch als die Attentate ausführenden serbischen Organe, Rußland trifft und Hartwig, der sicher um das Attentat wußte und die ganze Sippe von Petersburger, Moskauer und Pariser Drahtziehern. Die dumme „Freie Presse“ quasselt gestern früh davon, daß Sie keinen Eroberungskrieg machen. Um Gottes Willen, legen Sie sich nicht fest. Wenn das Blut der k. k. Soldaten fließt, muß auch ein Gewinn für den großen Einsatz locken, d. i. die Aufteilung Serbiens. Ich bin sowieso der Meinung, daß mit dem Einmarsch der Honvéds in Belgrad, Italien Bersaglieri nach Durazzo und Valona schickt. Werfen Sie den erbärmlichen Wied über Bord, etablieren Sie einen moslemischen Fürsten in Albanien und lassen Sie das in die italienische Interessensphäre fallen, worauf dann Sie sich Serbien und Montenegro vindizieren. Ich sehe kein Unglück in Etablierung Italiens am albanischen Küstenraum, viel wird es dort ebensowenig wie in Tripolis ins Innere kommen, und Sie hätten den Rücken frei. Ihre Flotte ist sowieso mehr ein Binnen-Meer-Gewächs, in der aber doch die Traditionen Tegetthoffs rege genug noch sind, um eine eventuelle welsche Blockade der Adria zu durchstoßen. Nichts anderes tat der tapfere Admiral ja in Pola, wo die Italiener auch einen eisernen Ring um ihn schlossen. 15) Erinnerungen und Gedanken des Botschafters Monts 324.