Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15
Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich 391 tung des Trentino reden lasse10). Es ist nun interessant, daß man ausgerechnet den Grafen Monts, der für seine anti-italienische Haltung bekannt war, nach Wien entsandte. Zweck und Charakter der Mission Monts’ ist bis heute nicht eindeutig geklärt, zuletzt hat Monticone die Auffassung vertreten, daß Monts’ Mission mehr darin bestand, die österreichischen Auffassungen zu sondieren, als einen festen deutschen Standpunkt den Staatsmännern in Österreich klar zu legen11). Doch wenn man die in diesem Artikel ausgewählt veröffentlichten Briefe Monts’ an Redlich aus den Monaten vor diesem November-Besuch liest — über die Mission selbst informierte Monts, wie wir aus den Tagebüchern wissen, Redlich in persönlichen Gesprächen, obschon offenbar nur sehr unvollständig12) dann zeigt sich die Betrauung Monts’ mit diesen Gesprächen in einem ganz neuen Licht. Monts, der sich nicht genug tun konnte, die Italiener wegen ihrer Unaufrichtigkeit, ja Hinterhältigkeit zu verachten, vertrat nämlich die Meinung, daß man die Italiener ohne Skrupel betrügen, ihnen die Abtretung zusichern, sich aber nach dem Sieg rücksichtslos schadlos halten solle13). Diese Meinung vertrat er nun am 14. November auch dem k. u. k. Außenminister Berchtold gegenüber: „Wenn es dann faktisch zum Friedensschluß kommen werde, werde sich schon ein Ausweg finden lassen, um diese Zusage nicht einzuhalten“14). Graf Monts, der Italienhasser, war unstreitig das beste Instrument, um im österreichischen Verbündeten die Überzeugung zu wecken, daß die deutschen Pressionen letzten Endes doch nicht wirklich so gemeint seien, sondern nur dazu dienen sollten, den entgleitenden italienischen Verbündeten festzuhalten. Es ist — so will mir scheinen - eine seltsame Potenzierung der Perfidie, die in dieser Mission des Grafen Monts zum Tragen kommt: Monts’ persönliche Überzeugung, daß man die Italiener skrupellos täuschen dürfe, wird von den Leitern der deutschen Politik dazu ausgenützt, den nächsten Verbündeten schamlos hinters Licht zu führen. Die Gespräche, die Monts in Wien führte und die nicht nur die Problematik der Beziehungen zu Italien, sondern wahrscheinlich ebenso ausführlich jene zu Rumänien zum Gegenstand hatten, blieben erfolglos, die österreichischen Politiker waren nicht bereit, die vom deutschen Verbündeten geforderten Preise territorialer Selbstverstümmelung zu zahlen. Die nachstehend abgedruckten Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich bringen keine direkten Nachrichten über die Mission des Grafen Monts, aber sie illustrieren die Mentalität, aus der heraus die deutschen Diplomaten in den Jahren 1914 und 1915 Weltpolitik gemacht haben, sie gewähren einen Einblick in die Vorstellungswelt eines Mannes, der zwar umstritten war, aber doch für sein staatsmännisches Denken gerühmt wurde. Anders als es Fried10) II carteggio Avarna-Bollati. Luglio 1914 — Maggio 1915. A. Cura di Carlo Avarna di Gualtieri (Napoli 1953) 30. xl) Monticone La Germania 105. 12) Schicksals]ahre Österreichs 1 287-289. 13) Vgl. vor allem Briefe von 1914 August 26 und September 12. 14) Hugo Hantsch Leopold Graf Berchtold 2 (Wien 1963) 689.