Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15

Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich 389 reicher Weise andeutet, in welcher Form im Wien der Jahrhundertwende Ge­sellschaft und Politik sich vermengten: „Bei seinen ausgedehnten geselligen Beziehungen vereinte Schulz an seinem gastlichen Tische die heterogenen Elemente. Minister, Großindustrielle, Künstler, Botschafter, Hochtories, Hofleute, Generäle, ja selbst Geistliche trafen sich dort mit schönen Frauen der Aristokratie, der Diplomatie, der Haute Finance und der Theaterwelt. Ich lernte dort bei gelegentlichen Besuchen in Wien eigentlich alle Staatsmänner und Par­lamentarier en vue des Ausgangs der Francisco-Josephinischen Zeit kennen, daneben Schriftsteller, Schauspieler, Geldleute, ja selbst den Kardinal-Erzbischof von Wien, Dr. Piffl. Sowie ich in Wien, wenn auch nur für kurze Tage, auftauchte, vermittelte Schulz interessante Bekanntschaften, ein jeder folgte gern seinem Ruf, und der Haus­herr verstand es stets, die oft höchst buntscheckige Gesellschaft anzuregen und in gu­ter Stimmung zu halten. So war Schulz eine gesellige Institution und eine höchst po­puläre Persönlichkeit im alten Wien geworden . . ,“6). Bei dem Abendessen am 17. November 1909, als Redlich seinen ersten „sehr guten Eindruck“ vom Grafen Monts erhielt, waren auch Graf Hatzfeld und Generaldirektor Palmer anwesend; ein Jahr später, bei der zweiten Begeg­nung im Hause von Paul Schulz, zählten Friedjung, Hussarek und Koerber zu den Gästen. Redlich fand, daß „der frühere deutsche Botschafter in Rom ein schöner, viel erfahrener und interessanter Mann“ sei7). Von dieser Begeg­nung an dürfte Monts bei jedem seiner Wien-Besuche mit Redlich zusam­mengekommen sein, und die persönlichen Begegnungen — während der Kriegsjahre kam Redlich auch ein paar Mal auf Besuch nach Haimhausen bei München, wo Monts sich nach seinem Abschied vom diplomatischen Dienst * *) 6) Erinnerungen und Gedanken des Botschafters Monts 243. *) Schicksalsjahre Österreichs 1 73. Einen ähnlichen Eindruck berichtet auch der Herausgeber der Tageszeitung Die Zeit, Dr. Heinrich Kanner, in seiner Aufzeichnung über seinen ersten Besuch beim Grafen Monts in Schloß Haimhausen bei München am 12. Juli 1915: „Graf Monts ist sehr groß gewachsen, breitschultrig, trägt den weißhaa­rigen Kopf mit einem kurzen, weißen Schnurrbart etwas vorgeneigt, er ist ein wenig schwerhörig, er spricht ruhig, ziemlich leise, nur selten kommt in seine Stimme eine gewisse kritische Schärfe, besonders wenn er Fehler der Diplomatie bespricht. Er macht den Eindruck eines in diplomatischen Angelegenheiten sehr unterrichteten Mannes von eigenem Urteil und großer Aufrichtigkeit, er spricht seine Anschauungen mit ungemein großer Sicherheit aus.“ - Kanner hat über insgesamt vier Unterredun­gen, die er mit Graf Monts hatte (12.-14. Juli 1915, 25. Februar 1916, 14. Oktober 1916 und 29, Februar 1916), maschingeschriebene Aufzeichnungen hinterlassen, die in den Kanner-Papers in der Bibliothek der Hoover Institution on War, Revolution and Peace in Stanford, California, aufbewahrt werden. Die Aufzeichnungen sind eine Quelle für die Mentalität, die Intrigen und die Ressentiments eines zur Disposition gestellten Di­plomaten, sie sind wenig ergiebig für die Aufhellung des Geschehens, da Graf Monts dem ihn interviewenden Journalisten gegenüber keineswegs aufrichtig war und ihm z. B. auf Befragen glattwegs ins Gesicht leugnete, daß er im November 1914 im Auf­trag des deutschen Auswärtigen Amts in Wien in besonderer Mission tätig gewesen war. Die Materialien des Kanner-Nachlasses sind meines Wissens bisher nur von Ro­bert A. Kann in seiner Studie über Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Welt­kriegs (Sitzungsberichte der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Klasse 274) ausgewertet worden. Für die Einsicht in die auf Graf Monts bezüglichen Teile bin ich Frau Agnes Peterson, Kurator der Mitteleuropäischen Abteilung der Hoover Institution, zu Dank verpflichtet.

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