Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

386 Edith Wohlgemuth eine bombastische Rede hielt“, um seine Landsleute zum Eintritt in den Krieg gegen die Mittelmächte aufzurufen73). Der eingeladene König und die Regierung hatten es allerdings vermieden, sich zu einer Anwesenheit bei der Feier herabzulassen. Sie suchten eine andere Ebene: „Mit der Geste des Pa­trioten will Sonnino vor die Nation treten können“, berichtet Prinz Liechten­stein, „nachdem er dieselbe durch einen mit nichts zu rechtfertigenden Krieg gehetzt haben wird, mit der heuchlerischen Miene des getäuschten Friedens­freundes, welcher in seinen Bemühungen um die Erhaltung des Friedens so weit gehen wollte, ,als es die heiligen Rechte der Nation gestattet haben1, wie der landläufige Ausdruck lautet“74). Am 23. Mai 1915 war es so weit. Die königliche Regierung motivierte die Kriegserklärung einzig und allein damit, „für die Wahrung der italienischen Rechte und Interessen Sorge zu tragen“75). Prinz Liechtenstein nennt das „ein Meisterstück zynischen Macchiavellismus“. Doch voll Genugtuung setzt er fort: „In den frühen Morgenstunden des 26. Mai hatte unsere Flotte die Kriegshandlung mit einer meisterhaft kühnen Offensive längs der ganzen italienischen Ostküste eröffnet, mit der Beschießung Anconas durch die Schlachtflotte als Kulminationspunkt. Daß diese Aktion in Italien einen riesigen, moralisch recht niederschmetternden Eindruck machte, versteht sich von selbst“76). Die Heimreise sämtlicher Mitglieder der k. u. k. Botschaft verlief ohne Zwi­schenfall. Auch Prinz Liechtenstein wurde in Wien vom Kaiser in Audienz zur Erstattung seiner Meldung empfangen. Dann rückte er hochgemut und zuversichtlich in Pola ein77). „Zug der Tausend“ am 5. Mai 1860, der zur Eroberung des Königreiches beider Sizi­lien und dessen späteren Vereinigung mit dem Königreich Italien geführt hatte, am 5. Mai 1915 statt. 73) Erinnerungen 21. Gabriele D’Annunzio (1863-1938) war damals aus einem frei­willigen Exil in Frankreich zurückgekehrt. Vgl. Denise Cles Die Propagandatätigkeit Gabriele D’Annunzios gegen Österreich-Ungarn 1914—1918 in MÖStA 27 (1974) 356 f. 74) Bericht von 1915 Mai 5 bei Broer Berichte. 75) K. u. k. Ministerium des Äußern. Zur Vorgeschichte des Krieges mit Italien (Wien 1915) 33. 76) Erinnerungen 21. In Wirklichkeit fand diese Flottenoperation am 24. Mai statt. Vgl. Sokol Österreich-Ungams Seekrieg 193ff. 77) Erinnerungen 22.

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