Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Fritz FELLNER: Aus der Denkwelt eines kaiserlichen Botschafters a. D. Die Briefe des Grafen Monts an Josef Redlich aus den Jahren 1914/15

AUS DER DENKWELT EINES KAISERLICHEN BOTSCHAFTERS A. D. DIE BRIEFE DES GRAFEN MONTS AN JOSEF REDLICH AUS DEN JAHREN 1914/15 Von Fritz Fellner „Unter den Botschaftern und Diplomaten, die das Wilhelminische Deutschland vor dem Weltkriege in die Hauptstädte der Welt ausschickte, trägt Anton Graf Monts ei­nen Charakterkopf voll scharfer Linien. Man pflegt ihn in der Reihe der angeblich ,fünf großen Botschafter“, die noch in Fürst Bismarcks Tagen mit dem Prinzen Reuss, mit dem General von Schweinitz anhebt und über die Grafen Hatzfeld und Münster führt, als den letzten der Ebenbürtigen zu nennen. Aber der letzte der Fünf war er nur der Zeit seines Wirkens nach: Fähigkeit und staatsmännischer Blick stellen ihn trotz mancher Fehler und Schwächen mehr an den Anfang der Reihe. So viel steht fest, daß er am klarsten nicht nur sah, sondern forderte, was Deutschland sollte, und bitter ver­dammte, was Deutschland tat. Er war einer der wenigen, die ihr Urteil nicht hinter dem Ablauf der Geschehnisse verkündeten, sondern in die Geschehnisse hineinzurufen versuchten.“ Der Verleger Karl Friedrich Nowak hat mit dieser verschwenderischen Lob­preisung die Schildung des Lebenslaufes des 1909 von seinem letzten - und einzigen bedeutenden - Botschafterposten, jenem am italienischen Königs­hof, nicht gerade im Glanze des Erfolges abberufenen deutschen Diplomaten eingeleitet, die er der Edition von dessen Lebenserinnerungen und einer Auswahl seiner Briefe voranstellte1). Nowak wußte, daß Graf Monts’ Stel­lung am Hofe des Quirinal während seiner ganzen Botschaftertätigkeit recht umstritten war und daß andere deutsche Diplomaten sich weit weniger posi­tiv über die Eignung des Grafen für die Botschaft in Rom ausgesprochen hatten, und so schränkte er sein Urteil wenig später dahin ein: „Graf Monts war nicht immer ein guter Diplomat. Aber in seinem Denken über die au­ßenpolitischen Zusammenhänge zeigt er mehr: nämlich die Übersicht des Staatsmannes“2). Graf Monts hatte allerdings nie Gelegenheit gefunden, seine staatsmännische Übersicht vom Denken in die Handlung umzusetzen, denn obwohl er sich Hoffnung gemacht hatte, als Nachfolger des Fürsten Bü- low zum Reichskanzler berufen zu werden, mußte er mit Enttäuschung mit­ansehen, daß der außenpolitisch wenig profilierte Staatssekretär des Inneren, Theobald Bethmann-Hollweg, ihm vorgezogen wurde. Von 1909 bis zu sei­*) Erinnerungen und Gedanken des Botschafters Anton Graf Monts. Hg. von Karl Friedrich Nowak und Friedrich Thimme (Berlin 1932). 2) Ebenda 18. Besonders negativ über Monts urteilte Reichskanzler Bülow; vgl. Bernhard Fürst von Bülow Denkwürdigkeiten. Hg. von F. v. Stockhausen, 4 Bde (Berlin 1930-1931) passim. 25*

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