Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

Prinz Johannes von und zu Liechtenstein 385 Stimmung der ursprünglich dreibundfreundlichen, weil antifranzösisch ge­sinnten Offizierskreise. Prinz Liechtenstein stellt dazu nicht ohne Bitterkeit fest: „Schließlich haben sich dieselben mit der vorläufigen Neutralität, sowie mit dem eklatanten Treubruch gegen die Bundesgenossen ganz gut abgefun­den. Gab doch der König das Beispiel!“67) Der Marineattaché legte sich von da an größte Zurückhaltung auf: „Man wird es begreifen, daß ich nach dem Einsetzen der Erpressungen meine Besuche im Ministerium auf ein Minimum einschränkte und auch bei meinen Besuchen mich möglichst zurückhaltend benahm. Manchmal mußte ich auch unangenehme Aufträge übermitteln, so bezüglich des Verkehrs italienischer Schiffe bei Nacht in den albani­schen Gewässern. Das mußte diese Herrn unangenehm in die übertrieben hochgehalte­nen Nasen kitzeln, um so mehr, als sie sich schon als die künftigen Herrn Albaniens betrachteten . . . Dann kam es im Lauf des Krieges noch bei einem größeren Anlasse zu einem Einschreiten meinerseits. Durch losgerissene, in die Küstengewässer abgetrie­bene Seeminen wurden Fischerbarken . . . beschädigt und ein oder der andere Fischer war (keiner ernstlich) verwundet worden; dies gab Anlaß zu furchtbarem Geschrei und Gezetter [sic!] in den Zeitungen und willkommenen Anlaß zu feindlicher Propaganda. Ich fuhr nach Venedig . . . Die Beschädigungen wurden untersucht, die Fischer ent­sprechend entschädigt, und es trat wieder Ruhe ein. Im Parlamente jedoch wurde in­terpelliert, daß ich nach Venedig gefahren wäre, um dort zu spionieren“68). Die Stimmung war eben überreizt und nervös. Der Ablauf des Geschehens gestaltete sich so, Wie „ein einflußreicher Abgeordneter“ zu Prinz Liechten­stein „ganz zynisch“ gesagt hatte: „Geben Sie uns heute den Trentino, so ha­ben wir das morgen vergessen und fordern — und fordern morgen Triest!“69) In Wien war man von der Vergeblichkeit jeder Opferbereitschaft im Grunde immer überzeugt gewesen70). Nur gewissermaßen einen Atemzug lang schien sie zu nützen, als sich die österreichisch-ungarische Regierung schließlich doch noch zu Konzessionen verstand und, was angesichts der „Antikriegsge­sinnung des Großteils der Bevölkerung“ nach der Meinung Prinz Liechten­steins von ausschlaggebender Bedeutung war, die Italiener davon trotz „strengster Zensur und zunehmendem Polizeiterror“ auch erfuhren. Aber die Kriegshetzer besiegten durch einen „Überterror durch Aufbietung des gan­zen Straßengesindels“ die Friedenswilligen und die Regierung Salandra, schon zur Demission bereit, wurde neuerlich vom König bestätigt71). Es war endgültig zu spät, den Frieden zu retten, hatte doch Italien am 4. Mai 1915 den Dreibundvertrag gekündigt und sich bereits am 26. April im Lon­doner Vertrag der Entente verbunden. Es fiel auch nicht mehr ins Gewicht, daß bei der Quartofeier72) der „parfümierte Dichterling Gabriele D’Annunzio 67) Lage 8. 6S) Erinnerungen 19. 69) Bericht von 1915 Jänner 13 bei Broer Berichte. 70) Burián Drei Jahre 29. 71) Erinnerungen 21. Prinz Liechtenstein erwähnt in diesem Zusammenhang noch­mals Mussolini, der „angesichts der Antikriegshaltung der Mehrheit der Kammer bru­tal“ gesagt hatte: „ .Schießt doch die Kerle nieder!' Man sieht, von diesem Mann konnte man einiges erwarten!“ 72) Die Quartofeier fand zur Erinnerung an den Aufbruch Giuseppe Garibaldis zum Mitteilungen, Band 31 25

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