Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Edith WOHLGEMUTH: Prinz Johannes von und zu Liechtenstein als letzter k. u. k. Marineattaché in Rom 1912—1915

384 Edith Wohlgemuth schaft zur Verfügung, deren Haupt seit 1911 Johann Fürst Schönburg-Har- tenstein war60), und überdies alle jene Informationen, die durch inoffizielle Kanäle an ihren Bestimmungsort gelangten. Der italienische Ministerpräsident Salandra61) hatte die Parole des sacro egoismo ausgegeben. Liechtenstein hielt ihn für „ziemlich rechts stehend“62). An ihm hatte Sonnino den besten Rückhalt, mit ihm teilte der Außenminister das schon seit September 1914 sorgsam gehütete, in seiner Prägnanz auch in­formierten Kreisen verschlossene, diesen nur als Befürchtung unvollkommen aufgehellte Geheimnis, Italien über die Zwischenphase einer sogenannten „aktiven Neutralität“ nach Abschluß der Rüstungen auf der Seite der En­tentemächte in den Krieg führen zu wollen63). Mit Wachsamkeit wurden die Ereignisse an den bestehenden Fronten verfolgt, besonders welcher Seite sich das wechselnde Kriegsglück zuneigte64). Doch nährte die italienische Regie­rung offenbar bald die Überzeugung, daß die Entente den Krieg gewinnen werde und daß somit die nationalen Aspirationen, das heißt die Summe aller irredentistischen, adriatischen und ostpolitischen Wünsche allein auf Kosten Österreich-Ungarns zu erfüllen wären, ja geradezu erfüllt werden müßten, damit Italien nicht im Falle eines Sieges der Zentralmächte in die Rolle eines Vasallen absinke. Es war bezeichnend, daß Ministerpräsident Salandra, als er gelegentlich aus einer ihm Ovationen darbringenden Volksmenge ein ,Es lebe die Neutralität“ vernahm, dem Rufer mit einem ,Es lebe Italien!“ antwor­tete. Prinz Liechtenstein kommentiert: „Nachdem es den berufsmäßigen Schreiern durch Verbot der Versammlungen unmöglich geworden ist zu de­monstrieren, demonstriert die Regierung!“65) Angesichts der Frankophilie der linksgerichteten Parteien war es auch innenpolitisch eine Lebensfrage des konservativen Lagers, einschließlich des Königshauses, jenen Weg zu ge­hen, den es nun einmal eingeschlagen hatte66). Es fand dabei auch die Zu­60) Johann Fürst Schönburg-Hartenstein (1864-1937), Botschafter 1911—1918. Vgl. Alois Hudal Die österreichische Vatikanbotschaft 1806—1918 (München 1952) 274-314. 61) Antonio Salandra (1853-1931), Ministerpräsident 1914-1916. Sein Entschluß, sich auf eine interventionistische Politik festzulegen, fiel in die Tage nach der Marne­schlacht: vgl. sein Werk La Neutralitä italiana 1914 (Milano 1928) 1731 Andeutungen aus einer früheren Zeit bei Rosen Italiens Kriegseintritt 327f. 62) Lage 7. 63) Bei Salandra La Neutralitä 177 ist der in diesem Sinn geschriebene Brief Sonninos vom 24. September 1914 abgedruckt. Anfang August 1914 hatte Sonnino noch „in eingeweihten politischen Kreisen ... als einziger führender Politiker Italiens gegolten, . . . der für eine Intervention an der Seite der deutschen und österreichischen Verbündeten eingetreten war“. Die Sinnesänderung hatte offenbar in Folge von Über­legungen über Gefahren, die sich aus der Neutralität ergeben konnten, stattgefunden; Rosen Italiens Krieg seintritt 3321 64) Vgl. Erinnerungen 18. 65) Bericht von 1915 März 11 bei Broer Berichte. 66) Vgl. Leo Valiani Die italienisch-österreichischen Beziehungen 1870 bis 1915 in der italienischen Historiographie in Innsbruck-Venedig (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte Österreichs 6, Wien 1975) 33-45 und Rosen Italiens Kriegseintritt 342 ff.

Next

/
Oldalképek
Tartalom