Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Adam WANDRUSZKA: Leopold II., die „Welschen Confinen“ und die Stände Tirols

160 Adam Wandruszka So spricht eine Reihe von Indizien für die Annahme, daß der bei seinem Re­gierungsantritt mit gutem Grund die Gefahr einer ständischen Erhebung in der Österreichischen Monarchie befürchtende Leopold schon auf der Durch­reise durch Tirol 1790 die politischen Bestrebungen in den „Welschen Confi- nen“ zumindest ermutigt hat. Tatsächlich hat er auch dann, nachdem sich die Stände Tirols dem Verlangen der Welschtiroler gegenüber ablehnend verhielten, im Dezember 1790 angeordnet, „daß den Ständen auch klar und bestimmt zu erkennen gegeben werde, daß, falls sie in dem gewöhnlichen en­geren Ausschüße zu einem gütlichen Einverständnisse sich nicht gutwillig bequemten, Ich ein so billiges Begehren wie jenes der welschen Tyroler ist, durch landesfürstlichen Ausspruch unmittelbar in Schutz nehmen werde und meine endliche Entschließungen auf die ständischen Begehren so lange nicht herausgegeben werden sollen, bis dieses Geschäft nicht ganz von ihnen be­richtiget ist“22). Mit Entschließung vom 1. Juli 1791 erteilte er dann den Ti­roler Landständen den Befehl, unter allen Umständen und ohne Rücksicht auf die alte Ständeverfassung den „Welschen Confinen“ je eine Stimme im Bürger- und Bauernstände für den großen und kleinen Ausschußkongreß an­zuweisen. Auf allen künftigen offenen Landtagen aber müsse ihnen neuer­dings Sitz und Stimme zugesprochen werden23). Wie hoch man insgesamt aber auch weiterhin in Leopolds engster Umgebung den Wert der ständischen Verfassung Tirols einschätzte, zeigt ein Votum des von allen Staatsräten dem Denken des Kaisers wohl am nächsten stehenden Staatsrats Friedrich von Eger, des Schwagers von Leopolds altem Lehrer und Berater, Carl Anton von Martini, in dem es heißt: „Das Klügste schiene mir, alle Klassen unter sich gleich zu behandeln, jeder eine gleiche Zahl von Stimmführern zu geben, folglich, wenn es je zu einem allen Schein von Ari­stokratie beseitigenden ständischen Etwas und noch dazu leicht und ge­schwind kommen soll, sich hiezu den Plan der ständischen Organisation z. B. des Landes Tirol, die __nach meinem Begriff in den gesamten k. k. Erb­s taaten die einzig vernünftige ist, zum Muster zu wählen24).“ 22) Helmut Reinalter Aufklärung-Absolutismus-Reaktion. Die Geschichte Tirols in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts (Wien 1974) 129. 23) Egger Geschichte Tirols 3 157f; Michael Mayr Der italienische lrredentismus. Sein Entstehen und seine Entwicklung vornehmlich in Tirol (Innsbruck 1916) 13 f. Es ist bemerkenswert, daß Mayr trotz seiner in der Situation des Ersten Weltkriegs ver­ständlichen Gegnerschaft gegen den italienischen lrredentismus die welschtirolischen Forderungen von 1790 als berechtigt ansah und ihre Ablehnung durch die Landstände verurteilte. 24) Martha Hämmerle Der Staatsrat Kaiser Leopolds II. (ungedr. phil. Diss. Wien 1939) 37. Diese Dissertation ist umso wertvoller, als die für die Arbeit verwendeten Staatsratsakten im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden.

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