Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung
466 Literaturberichte Im Gegensatz dazu sind wir über die nichtchristlichen Gewerkschaften seit langem schon besser im Bilde. Dennoch kann auch hier noch vieles ergänzt werden, wie die neueste Arbeit von Josef Hindels beweist12). Sie umfaßt die Zeit des Widerstandes sowohl gegen den Austrofaschismus 1934—1938 wie gegen den nationalen Faschismus 1938—1945 und führt über die ältere Arbeit Otto Leichters hinaus. Hindels’ Studie gründet sich zum Teil auf eigenes Erleben und ist auch von der eigenwilligen antireformistischen Persönlichkeit des Vfs geprägt. Er unterscheidet allerdings sehr genau zwischen der Lage vor und nach dem März 1938, wobei er den Widerstand gegen Hitler wohl als schwieriger, aber auch als eindeutiger bezeichnet. Jetzt mußte sich der Kampf mehr auf die einzelnen Gewerkschaften und auf die Ebene der Betriebe verlagern und forderte zahlreiche Opfer. In der Zeit der austrofaschistischen Einheitsgewerkschaften war es hingegen den Linken sogar möglich, legale Positionen zu gewinnen und hier den Kampf oft gemeinsam mit den christlichen Arbeitern gegen die zunehmende Gefahr seitens der Nationalsozialisten, die schon damals ihren Aktionsradius auch auf die Gewerkschaften erstreckten, zu führen. Im Zentrum der Darstellung steht jedoch eine Schilderung der Hintergründe der Verhandlungen beim Versuch einer Einigung der Abwehrkräfte im letzten Augenblick 1938 nach Berchtesgaden und vor dem Einmarsch Hitlers. Der Vf. konstatiert eine schwere Schuld Schuschniggs, bei dem bis zuletzt der Klassenstandpunkt und die deutschnationale Gesinnung ausschlaggebend blieben. Der Fluß der Erzählung wird immer wieder durch ausgiebige Quellenzitate belebt. Für die Vorgeschichte des Februars 1934 im weiteren Sinn ist eine Studie von Gerhard Botz über politische Gewalttaten aller Art in Österreich 1918—1934 von großer Bedeutung13). Es handelt sich dabei um eine Dissertation, die schon vor zehn Jahren von Ludwig Jedlicka approbiert wurde und die quellenmäßig im wesentlichen auf dem damaligen Stand verblieben ist, obwohl jetzt bedeutend mehr zu erschließen gewesen wäre. Dennoch fällt dieser Mangel nicht allzu schwer ins Gewicht, denn die Darstellung würde sich nur stellenweise und in Nuancen ändern. Verdienstvoll an dem Werk ist vor allem die umfassende Sammlung der Fakten. Der Autor ist im übrigen kritisch und um Objektivität bemüht, obwohl er immer wieder zu erkennen gibt, auf welcher Seite seine Sympathien stehen und sein Urteil nicht immer ganz ausgewogen erscheint. Ihm ging es vor allem darum, die Rolle der Gewalt in der Politik an einem illustrativen Beispiel, wie es sich ihm in der Geschichte der Ersten Republik bis 1934 anbot, zu untersuchen, und dies führte dazu, daß oft das psychologische, ja psychoanalytische Element zu stark in den Vordergrund tritt. Auch die Anwendung der quantitativen Methode scheint manchmal fragwürdig, doch darf man nicht vergessen, daß es sich hier noch um völliges Neuland handelt. Wenn auch B’s Bilanzen nicht immer 12) Josef Hindels Österreichs Gewerkschaften im Widerstand 1934—1945. Europaverlag, Wien 1976. 435 S. is) Gerhard Botz Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Österreich 1918 bis 1934. Wilhelm Fink Verlag, München 1976. 358 S.