Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

464 Literaturberichte Wicklung seit dem Jännerstreik 1918 zeigt sie auf, wie der Schutzbund aus den alten Räten und Ordnerorganisationen der österreichischen So­zialdemokraten herausgewachsen ist. Körner trat für eine Durchdringung des Proletariats mit einem eigenen kämpferischen Ethos ein und lehnte die sture Militarisierung durch Eifler und Deutsch ab. Seine Ideen be­ruhten vor allem auf einem gründlichen Studium der Schriften von Clausewitz. Im Anhang zur Studie finden sich die Texte vieler Quellen u. a. auch des Arsenalpakts von 1922 zwischen Vaugoin und Deutsch und des Eifler-Plans für Wien. Das Werk ist von ungeheurer Wichtigkeit für die militärische Doktrin des Austromarxismus und zur geistigen Beurteilung einer typischen Vater­gestalt der österreichischen Arbeiterbewegung. Daher ist es sehr zu be­grüßen, daß die Autorin diesem Band kürzlich einen weiteren folgen ließ: eine Ausgabe der zum Großteil unbekannten, unveröffentlichten oder in Vergessenheit geratenen Schriften Körners* 8). Hier werden vor allem die jahrelangen Warnungen Körners vor dem Februar 1934, aber auch aus den späteren Jahren vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion dokumentiert. Ein hervorragender militärischer Kopf, der durch die nä­here Beschäftigung mit dem marxistischen Gedankengebäude zu einer die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Welt erfassenden Kriegsleh­re für einen im Bürgerkrieg gegen den Faschismus mündenden Abwehr­kampf der Arbeiterklasse gelangt: So stellt sich uns das geistige Bild Theodor Körners heute dar. D’s Bücher bilden so auch eine wesentliche Ergänzung zum historischen Gesamtbild eines großen Österreichers, indem sie eine Seite seines Wesens und Wirkens erschließen, die bisher ziem­lich unbekannt geblieben und etwa in der großen Körner-Biographie Kollmanns zweifellos zu kurz gekommen ist. Eine Lebensbeschreibung jenes Mannes, der unmittelbar die Ereignisse des Februars 1934 durch seinen Befehl zum offenen Widerstand auslöste, haben Inez K y k a 1 und Karl R. S t a d 1 e r in gemeinsamer Arbeit ver­faßt9). Richard Bernaschek stieß als echtes Proletarierkind schon früh­zeitig zur Arbeiterbewegung und hatte bald verschiedene Funktionen inne. Vielleicht werden im vorliegenden Werk manchmal seine geistigen Qua­litäten überschätzt, an der kristallhellen Klarheit seines Charakters, an der Lauterkeit seines Wollens kann nach den vorliegenden Quellen kein Zweifel bestehen. Auch hier wird die Problematik des Schutzbundes, aber mehr aus der Sicht eines Unterführers, Haudegens und Heißsporns erör­tert. Dabei erfahren wir viel über die Situation in Oberösterreich, die sich, namentlich seit der Neuordnung nach 1927, doch beträchtlich von der in Wien unterschied. Die Autoren suchen den „Radikalismus“ Bernascheks, der schließlich zum Losschlagen am Morgen des 12. Februars 1934 führte, aus der Linzer Szene zu erklären. Das Buch beschäftigt sich ausführlich und aufgrund einer ausgebreiteten Quellenkenntnis mit Bernascheks wei­8) Ilona Duczynska (Hg.) Theodor Körner: „Auf Vorposten". Ausgewählte Schriften 1928—1938. Europaverlag, Wien 1977. 386 S. 8) Inez K y k a 1 — Karl R. Stadler Richard Bernaschek. Odyssee eines Rehellen (Veröffentlichung des Ludwig-Boltzmann-lnstituts für Geschichte der Arbeiterbewegung). Europaverlag, Wien 1976. 317 S.

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