Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

Sammelreferate 463 hier den Antisemitismus, der gerade in Österreich schon immer als der „Sozialismus des dummen Kerls“ den Antikapitalismus paralysieren soll­te, als Ersatz nationalsozialistischer Sozialpolitik. In Wien hatte sich schon lange vor dem Ersten Weltkrieg die soziale Frage im Wohn wesen beson­ders heftig entzündet und in den Jahren danach der soziale Fortschritt in der Wohnbaupolitik der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung ent­schieden manifestiert. 1938 hatte Gauleiter Bürckel zwar ein bescheidenes, an der nationalsozialistischen Eigenheimideologie orientiertes Sonderwohn­bauprogramm entwickelt, aber alle diese Planungen scheiterten angesichts des bevorstehenden Kriegs und seiner wirtschaftlichen Notwendig­keiten. Seit März 1938 setzte, oft unkontrolliert, der Raub der Juden­wohnungen ein, bis die Arisierungen in großem Stil organisiert wurden und zur Errichtung eines Halb-Ghettos am Donaukanal führten. Im Krieg erfolgten dann die als Umsiedlungen getarnten Deportationen in die Vernichtungslager des Ostens. B. konnte sich bei seiner Untersuchung auf umfangreiche Quellen stützen. 1974 waren vierzig Jahre seit dem verhängnisvollen Februar 1934 ver­flossen, und eine Reihe von Veröffentlichungen beschäftigten sich mit diesem Thema. Wir können hier nur auf einige wenige Werke hinwei- sen. Immer wieder steht die Frage nach den Ursachen des Untergangs der österreichischen Sozialdemokratie, nach Problemen der Strategie und Taktik des Schutzbundes in den Jahren vor der Katastrophe im Mittel­punkt der Betrachtungen. Mit diesen vorwiegend militärischen Fragen beschäftigt sich eine Studie von Ilona Duczynska, zu der Friedrich Heer ein Vorwort von selbständigem Wert und Charakter geschrieben hat7). Die Autorin gilt als eine der letzten noch lebenden Persönlich­keiten des klassischen europäischen Sozialismus, stammt aus Österreich, war Emmissärin Béla Kuns, dann am linken Flügel der österreichischen Arbeiterpartei bis 1934 tätig und hier vor allem mit den Verhältnissen im Republikanischen Schutzbund vertraut. Ihr lebendig und jugendlich engagiert geschriebenes Werk beschäftigt sich besonders mit den Gegensät­zen zwischen Eifler und Löw auf der einen und Theodor Körner auf der anderen Seite. Letzterem, der sich selbst einmal Ernst Fischer gegen­über als demokratischen Bolschewiken bezeichnet hat, und dessen Auffas­sungen und Theorien steht die Vfn besonders nahe. Körner steht auf dem Boden des Primats der Politik und auf dem Boden der Demokratie, hält aber die Vorbereitung für den Ernstfall für unumgänglich, da er schon früh die Größe der faschistischen Gefahr erkannte. In grundsätz­lichen Auseinandersetzungen vor allem mit Otto Bauer, aber auch mit Julius Deutsch und anderen entwickelte Körner eine Theorie des Guerilla­kampfes, die die späteren Ideen Maos und Che Guevaras vorwegnahmen. D. stützt ihre Darstellung nicht nur auf ihre Erlebnisse als Augenzeugin und Mithandelnde, sondern auch auf eine gründliche Analyse der mili­tärtheoretischen Schriften Körners. In einem Überblick über die Ent­politik (Veröffentlichungen des Historischen Instituts der Universität Salzburg 13). Geyer-Edition, Wien — Salzburg 1975. 200 S. 7) Ilona Duczynska Der demokratische Bolschewik. Zur Theorie und Pra­xis der Gewalt. List Verlag, München 1975. 383 S.

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