Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung
462 Literaturberichte Arbeitslosigkeit, und die Tätigkeit der frühen Arbeitervereine ist auch in erster Linie solchen Problemen gewidmet. Dabei bestanden schon Beziehungen zu anderen Vereinen ähnlicher Art innerhalb der Monarchie, und dies förderte die Entstehung von Richtungskämpfen, die schon in dieser „Vorzeit“ der Arbeiterbewegung eine oft verhängnisvolle Rolle spielten. Marie T i d 1 bringt eine zeitgeschichtliche Studie über die „Roten Studenten“ 4), eine Organisation, die bereits in der Ersten Republik existierte und dann gegen den autoritären Staat, besonders gegen die nationalsozialistische Herrschaft Widerstand leistete, wobei sie sich selbst immer theoretisch und personell als einen Teil der Arbeiterbewegung empfunden hat. Obwohl sie sich als überparteiliche Organisation bezeichnete, stand sie vor allem den Kommunisten nahe. Sie hat aber auch jeweils mit anderen Oppositionellen zusammengearbeitet, so im November 1937 mit den Nationalsozialisten gegen die neue Studien- und Rigorosenord- nung der Regierung Schuschnigg und im März 1938 mit den „Schwarzen“ gegen Hitler. Die Arbeit hat vor allem dokumentarischen Wert, namentlich für die Zeit seit 1938, als die Organisation nach dem Ausscheiden der jüdischen Kollegen neu aufgebaut werden mußte. Dank der persönlichen Teilnahme der Vfn an den Geschehnissen, über die sie berichtet, wird die Darstellung sehr lebendig. Zahlreiche Flugschriften werden im Text im Wortlaut wiedergegeben. Robert Schwarz, ein nach den USA ausgewanderter Österreicher, hat eine kleine Studie über die Art der Werbung der NS-Propaganda um die österreichischen Arbeiter nach 1938 vorgelegt5) und nachgewiesen, daß der Erfolg eher bescheiden geblieben ist, vor allem dank der politischen Schulung eines großen Teiles des österreichischen Proletariats. Namentlich die älteren Arbeiter hatten unter dem Austromarxismus eine geistige Disziplinierung erlebt, die sich über den Ständestaat hinweg bewährt und erhalten hat. Aufgrund des Studiums des Völkischen Beobachters unterscheidet der Vf. verschiedene Stufen der nationalsozialistischen Propaganda, die den Abscheu der Arbeiter vor dem Schuschnigg-Regime oder die Beseitigung der Arbeitslosigkeit im Zuge der wirtschaftlichen Vorbereitung des Krieges auszunützen suchte und die Österreicher auch mit antimarxistischen und antisemitischen Sirenenklängen ködern wollte. Die Arbeit enthält im Anhang viel dokumentarisches Material, zum Teil in Faksimiles. In einer kurzen Einleitung stellt Gerhard Botz der Ideologie die soziale Wirklichkeit des „nationalen Sozialismus“ in der Ostmark gegenüber. Einen Teilaspekt in Zusammenhang damit hat Botz in einer eigenen Arbeit behandelt, nämlich die Wohnungspolitik des Nationalsozialismus in Wien von 1938 bis 1945 und die Judendeportationen6). B. definiert 4) Marie T i d 1 Die Roten Studenten. Dokumente und Erinnerungen 1938— 1945 (ebenda 3). Europaverlag, Wien 1976. VII, 300 S. 5) Robert Schwarz „Sozialismus“ der Propaganda. Das Werben des „Völkischen Beobachters“ um die österreichische Arbeiterschaft 1938/39 (ebenda 2). Europaverlag, Wien 1975. 159 S. 6) Gerhard Botz Wohnungspolitik und Judendeportation in Wien 1938 bis 1945. Zur Funktion des Antisemitismus als Ersatz nationalsozialistischer Sozial