Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung
Sammelreferate 461 Wenn wir bei unserem punktuellen Überblick mit Österreich beginnen, müssen wir vor allem festhalten, daß immer mehr neben Wien auch die Universitäten in Salzburg und besonders in Linz über Themen unseres Fachgebietes arbeiten und publizieren, wobei der Rahmen der Untersuchung oft weit über das heutige Österreich hinausreicht. In der vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung in Linz herausgegebenen Schriftenreihe hat John B u n z 1 eine Studie zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung vorgelegt 2). Die Stoff reiche Arbeit über dieses — gerade was Österreich betrifft — von der Forschung stark vernachlässigte Gebiet leidet etwas an der mangelhaften Gliederung, hat aber den Vorzug, immer wieder Bezüge zu aktuellen Problemen im Zusammenhang mit dem Judentum aufscheinen zu lasen. Aus der allgemeinen Darstellung der osteuropäischen Juden heraus wird die Entstehung eines jüdischen Proletariats speziell untersucht und dessen besondere Erscheinungsformen erläutert. Wir erfahren viel Neues über die Vor- und Frühgeschichte der jüdischen Arbeiterbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie über deren Beziehungen zum Marxismus. Über den „Bund“ und die Auseinandersetzungen um Zionismus und Separatismus gelangt der Vf. zur Erörterung der nationalen Frage in bezug auf ein exterritoriales Volk par excellence. Die Entwicklung wird vor allem am Beispiel Polens und Rußlands verfolgt, doch gibt es auch genügend Hinweise auf Österreich. So behandelt ein eigener Exkurs den großen Anteil der „Poale Zion“ im Jännerstreik 1918. Endlich finden wir vieles Interessante über die Entwicklung in Rußland seit der Oktoberrevolution, so z. B. über das Sowjet-Experiment Birobidschan im Amurgebiet, wo 1928 werktätige Juden angesiedelt wurden, die aber an den klimatischen und anderen ungünstigen Bedingungen scheiterten. Auch über die Rolle der Juden in der stalinistischen Aera mit deren antisemitischen Zügen wird berichtet. Neben der schon erwähnten Reihe gibt das Boltzmann-Institut neuerdings auch eine Serie Materialien zur Arbeiterbewegung heraus, die für ein breiteres Publikum gedacht ist und deren Hefte in einem einfachen, billigen Verfahren hergestellt werden. Dennoch sind sie durchwegs von wissenschaftlich-historischem hohem Niveau und stellen wichtige Unterlagen für weitere Forschungen dar. Dies gilt gleich vom ersten Heft, in dem nach einem einleitenden Überblick von Eduard März über die allgemeine und wirtschaftliche Situation der fraglichen Jahre Karl F 1 a n n e r die Anfänge der Arbeiterbewegung in Wiener Neustadt behandelt3). Die Untersuchung stützt sich auf Wiener und Wiener Neustädter Archive und berücksichtigt nicht nur das engere Stadtgebiet von Wiener Neustadt, sondern das gesamte Industriegebiet. Die Frühzeit der Industrialisierung war auch hier gekennzeichnet durch Krisen und Perioden der drückendsten 2) John B u n z 1 Klassenkampf in der Diaspora. Zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung (Schriftenreihe des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung 5). Europaverlag, Wien 1975. 181 S. 3) Karl F1 a n n e r Die Anfänge der Wiener Neustädter Arbeiterbewegung 1865—1868 (Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung: Materialien zur Arbeiterbewegung 1). Europaverlag, Wien 1975. XIII, 159 S.