Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
MIKOLETZKY, Lorenz: Achter Internationaler Archivkongreß Washington D. C. 1976
Achter Internationaler Archivkongreß 455 Nationalarchiv in Frankreich entstand“. Ricks stellte drei Faktoren zusammen, die für den Aufbau der Aktenverwaltung in seinem Land von Bedeutung sind: das vielfältige kulturelle Erbgut seines Landes, die gewaltige Dokumentenmenge und die hochgradige technologische und wirtschaftliche Entwicklung. All dies mußte und muß noch heute beim Archivaufbau berücksichtigt werden. Nach Analyse der eingegangenen Antworten auf die Fragebögen kommt Ricks unter anderem zu dem Schluß, daß kein anderes Land ein Aktenverwaltungs-Programm besitzt, „das dem weitgreifenden Programm der amerikanischen Bundesregierung mit seiner Betonung von a) vollem Lebenszyklus, b) fortlaufenden Programmen, c) Kontrolle und d) Spezialisierung gleicht, obwohl Anzeichen dafür bestehen, daß auch andere diese Richtung einschlagen.“ Die Fragen nach der Organisation der Archivverwaltungen waren von 39 Staaten, darunter Österreich, das sich auch an den anderen Umfragen beteiligte, auf denen die folgenden Referate beruhten, beantwortet worden. Der ehemalige Generaldirektor der Archives de France, Guy D u b o s c q, setzte sich mit dem Thema Das Zwischenarchiv: Idee und Werkzeug in sehr kompetenter Weise auseinander, hatte er doch das große Zwischenarchiv seines Landes zu entwerfen, auszuführen und zu organisieren gehabt, nämlich das interministerielle Archivzentrum in Fontainebleau. Auch Duboscq gab eine weltweite Übersicht und wiederholte die westdeutsche Definition der Vorarchivierung: Sie ist „die zeitlich beschränkte Aufbewahrung amtlicher Dokumente in einer von der urhebenden Behörde getrennten und als integrale Abteilung des Zentralarchivs organisierten Stelle, die ausschließlich von Archivaren geleitet wird“. Die Archivverwaltung übernimmt somit die Verantwortung für die von Ministerien und Amtsstellen verfaßten Dokumente bereits bei deren Entstehung, sie bestimmt die Richtlinien für ihre Aufbewahrung innerhalb der Ämter und nimmt beträchtliche Mengen von Dokumenten in die Zwischenarchive auf, die sie den Bedürfnissen der Behörden entsprechend verwaltet und deren Vernichtung oder Weiterleitung an das historische Archiv sie übernimmt. Duboscq stellte folgende Forderungen auf: „Die Einführung der Vorarchivierung sollte dem Land Ersparnisse ermöglichen“ und „die Zwischenarchive müssen wirtschaftlich angelegt werden“. Selbstverständlich ergeben sich regionale Unterschiede, aber es ist erstaunlich, daß man an Hand der Beispiele, die Duboscq vorlegte, schon eine stattliche Anzahl von Zwischenarchiven in der ganzen Welt feststellen kann: „Zusammenfassend ist die Vorarchivierung das sicherste und einzige Mittel für uns Archivare, unsere wichtige Aufgabe als Lieferanten der Geschichte und vielleicht sogar Anreger zur historischen Forschung vollständig und wirksam zu erfüllen“. Der schwedische Reichsarchivdirektor Äke K r o m n o w legte einen Bericht zum Thema Die Bewertung von Urkundenmaterial der Gegenwart vor. Es handelt sich dabei um eines der wichtigsten und zugleich heikelsten Probleme der Archivwissenschaft, auch ist die Terminologie interna-