Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

MATSCH, Erwin: Die Auflösung des österreichisch-ungarischen Auswärtigen Dienstes 1918/1920

Die Auflösung des Auswärtigen Dienstes 295 Kriegsausbruch Gesandter in Bukarest, überlassen. Die Zusammenarbeit des neuen Ministers mit den leitenden Beamten des Ballhausplatzes wäh­rend dessen Bukarester Zeit scheint nicht immer reibungslos verlaufen zu sein. Flotow, der auch für Rumänien zuständige Referatsleiter, war einer der wenigen, die es vermieden hatten, mit Czernin in ein gespanntes Verhältnis zu kommen. Der neue Minister teilte daher Flotow bereits am Tage der Vorstellung der Beamtenschaft mit, daß er entschlossen sei, um­fassende personelle Veränderungen durchzuführen. Hievon waren sogleich der Erste Sektionschef Macchio, Sektionschef Forgách, Gesandter Musulin und später Kabinettschef Alexander Graf Hoyos betroffen 29). Am 4. Jän­ner 1917 wurde Botschafter Baron Ladislaus Müller mit der Funktion eines Ersten Sektionschefs betraut und Flotow zum Zweiten Sektions­chef ernannt. Diesen Rang hatte es seit der Jahrhundertwende, als man mit einem Ersten und einem Zweiten Sektionschef das Auslangen fand, nicht mehr gegeben. Als später ein Erster und mehrere andere Sek­tionschefs amtierten, blieb die Bezeichnung „Zweiter Sektionschef“ nur im Sprachgebrauch für den mit der Oberleitung der politischen Referate betrauten Sektionschef erhalten. Czernin wollte mit dieser Wiedereinfüh­rung Flotow aus der Reihe der anderen Sektionschefs herausheben und faktisch zum zweiten Stellvertreter des Ministers machen. Anläßlich die­ser Ernennung wurde ihm vom Kaiser auch die Würde eines Geheimen Rates verliehen. Mit Czernin war ein neuer Stil in das Ministerium des Äußern gekommen. In zeitlich rasch aufeinanderfolgenden Zirkularen ordnete er neue Dienst­zeiten an und verfügte, daß die Beamten um eine Audienz beim Kaiser künftig nur mehr im Wege des Ministerkabinetts ansuchen dürften 30). Vom Ersten und Zweiten Sektionschef verlangte er, daß sie sich täglich, auch sonn- und feiertags, ab zehn Uhr vormittags — mit einer Mittags­pause — bis in die späten Abendstunden im Ministerium aufzuhalten hätten. Erst im Sommer 1917 ließ er bekanntgeben, die beiden Sektions­chefs könnten von nun an an Sonn- und Feiertagen nachmittags alter­nierend vom Dienste fernbleiben31). Bei der Flotow zugedachten Funk­tion wurde zwischen Außen- und Innenpolitik kein Unterschied gemacht. Aus seiner Tätigkeit als Zweiter Sektionschef seien ein außen- und ein innenpolitisches Beispiel herausgegriffen. Czernin sah sich zu Beginn seiner Amtstätigkeit mit einem für die Mon­archie besonders wichtigen außenpolitischen Problem, nämlich der Er­öffnung des verschärften Unterseebootkrieges, konfrontiert. Als er am 4. Jänner 1917 seinen Antrittsbesuch im deutschen Hauptquartier in Pless machte, war die Stimmung gedrückt, da die Entente eben auf eine Frie­densnote von Präsident Woodrow Wilson negativ reagiert hatte. Den 2 2») Erinnerungen Flotows. so) HHStA Nachlaß Flotow 3 fol. 137. 3!) Erinnerungen Flotows.

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