Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
MATSCH, Erwin: Die Auflösung des österreichisch-ungarischen Auswärtigen Dienstes 1918/1920
296 Erwin Matsch Unterseebootkrieg zu verschärfen, schien deutscherseits eine beschlossene Sache, wobei man sich vom Bündnispartner nichts sagen lassen wollte. Versuche Czernins und des k. u. k. Botschafters, Gottfried Prinzen zu Hohenlohe-Schillingsfürst, in Pless und Berlin, diesen Schritt in letzter Minute abzuwenden, blieben erfolglos. Daraufhin wurde Flotow vom Minister beauftragt, nach Berlin zu fahren und dort nochmals den Standpunkt Czernins vernehmen zu lassen. Von seiner Mission berichtete Flotow am 15. Jänner 1917: Die Deutschen seien zur Überzeugung gelangt, daß die Zentralmächte über das Jahr 1917 hinaus den Krieg mit Aussicht auf Erfolg nicht fortsetzen könnten. Da die Entente den Frieden nicht freiwillig wolle, müsse sie hiezu gezwungen werden. Dies könnte durch den verschärften Unterseebootkrieg geschehen, dessen Zweck es sei, England durch Unterbinden seiner Lebensmittelzufuhr und Verminderung seiner Verkehrsmittel als kriegführende Macht auszuschalten. „Die Vereinigten Staaten würden kaum weiter als bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen gehen.“ Sie seien für einen Krieg schlecht vorbereitet und hätten Angst vor Japan. Flotow habe auf die Darlegung der deutschen Meinung erwidert, daß die derzeitige Bedeutung der ausländischen Getreidezufuhr für England verschärfte Kampfmittel nicht recht- fertige, die Vereinigten Staaten, wann immer sie kriegsbereit sein sollten, einen solchen Krieg mit Energie und Entschlossenheit führen würden und die Gefährdung durch das mit Rußland und England verbündete Japan nur gering zu veranschlagen sei 32 33). Die Mission Flotows konnte die Deutschen nicht umstimmen. Nach weiteren Verhandlungen zwischen den beiden Verbündeten gab die k. u. k. Regierung schließlich nach. Als Kaiser Karl am 26. Jänner 1917 in Begleitung Czernins nach Pless fuhr, stimmte er der Eröffnung des verschärften Unterseebootkrieges, der am 1. Februar 1917 begann, zu. Während der Ministerzeit Czernins kam es zu Friedensschlüssen mit der Ukraine (9. Februar 1918), Rußland (3. März 1918) und Rumänien (14. April 1918). Im Verlauf der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk, an denen Flotow nicht teilgenommen hatte, erwies es sich, daß die Unruhe unter der Arbeiterschaft in Österreich bereits in einer Weise zugenommen hatte, die die Verhandlungen gefährden konnte. Czernin beauftragte daher Flotow am 17. Jänner 1918 von Brest-Litowsk aus, sich mit den Führern der Sozialdemokratie in Verbindung zu setzen, um ihnen klarzumachen, daß der Minister fest entschlossen sei, zu einem Frieden mit Rußland zu gelangen. Er bitte nur um einen Vertrauensvorschuß von wenigen Tagen 3S). Bereits am nächsten Tag antwortete Flotow nach Brest, daß er die Abgeordneten Adler, Seitz, Ellenbogen und Renner empfangen und mit ihnen die gewünschte Aussprache abgehalten hätte. Hiebei habe Adler betont, daß der Minister einen Vertrauensvorschuß nicht benötige. 32) HHStA PA I 503: Aufzeichnung Flotows von 1917 Jänner 15. 33) Ebenda 818: Telegramm n. 129 von 1918 Jänner 17.