Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
MATSCH, Erwin: Die Auflösung des österreichisch-ungarischen Auswärtigen Dienstes 1918/1920
294 Erwin Matsch pischter Treffens zwischen Kaiser Wilhelm und dem Thronfolger ging Berchtold an die Abfassung einer neuen Denkschrift, die auf einem Elaborat Flotows vom Mai 1914 basierte und am 1. Juli 1914 vorlag 24). Während die Denkschrift vom August 1913 noch von der Voraussetzung ausging, daß die Erhaltung Rumäniens für den Dreibund möglich sei, stellte Flotow bereits fest, daß „das Verhältnis der Monarchie zu Rumänien gegenwärtig an Unklarheit“ kranke. Falls es nicht möglich sei, sich in zweckentsprechender Weise der Bündnistreue dieses Königreiches zu versichern, müßte die Monarchie ihre Grenzen mit Rumänien befestigen und die Einbeziehung Bulgariens und der Türkei in den Dreibund zustandebringen 25 26). Zur Zeit des Attentats in Sarajevo war Flotow auf Kur in Bad Kissingen. Eine Rückfrage beim Ersten Sektionschef, ob seine Anwesenheit in Wien „beim Begräbnis“ gewünscht werde, wurde negativ beschieden2e). Er nahm seinen Dienst in Wien somit erst am 10. Juli wieder auf, d. h. nach der Übergabe des Handschreibens Kaiser Franz Josephs vom 2. Juli an Kaiser Wilhelm II. und nach der Sitzung des Gemeinsamen Ministerrates vom 7. Juli: „Zur Vorbereitung der .befristeten Note“ an Serbien wurde daher Musulin herangezogen“ 27). Bis zum Ausbruch des Krieges war Flotow als zuständiger Referatsleiter naturgemäß in die wichtigen politischen Korrespondenzen eingeschaltet. Er zeichnete für Weisungen nach Athen, Bukarest, Cetinje, St. Petersburg und Sofia, die alle dem Zweck dienten, die Verbesserung der österreichisch-ungarischen Position im bevorstehenden Kampf gegen Serbien und dessen Verbündete zu erreichen 28). Er leitete das Referat I bis zum Ende des Jahres 1916. In diese Zeit fielen die für Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich wichtigen Verhandlungen mit der Türkei über den Abschluß eines Schutz- und Trutzbündnisses, wozu Flotow Vorarbeiten leistete, die schließlich auch in Verhandlungen über eine Kündigung des Kapitulationsregimes mündeten (deutsch-türkischer Vertrag vom 11. Jänner 1915 und österreichischungarischer Beitritt hiezu vom 21. März 1915). Weitere markante Ereignisse waren der Kriegseintritt Bulgariens an der Seite der Mittelmächte am 6. September 1915 und der Kriegsausbruch mit Rumänien am 27. August 1916. Als Kaiser Franz Joseph am 21. November 1916 gestorben war, fühlte sich Kaiser Karl I. bestimmt, die Zentralbehörden der Monarchie möglichst rasch mit neuen Männern zu besetzen. Auf dem Ballhausplatz mußte Baron Stephan Burián seinen Platz Graf Ottokar Czernin, bis zum 24) Hugo H a n t s c h Leopold Graf Berchtold 2 (Wien 1963) 545. 25) ÖUA 7 n. 9627. 26) HHStA Adm. Reg. F 4/93, Personalakt Flotow, Konv. Varia: Schreiben Macchios von 1914 Juli 1. 27) 1925—1930 verfaßte Erinnerungen Flotows im Besitz von Ludwig Alexander Flotow, siehe Anm. 1. 28) Vgl. ÖUA 7 nn. 10276, 10300, 10550, 10777 und 10915.