Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

286 Robert Hoffmann Überwindung der unvermindert andauernden Krise des europäischen Wirtschaftssystems mußten deshalb im Frühjahr und Sommer 1920 wei­ter fortgesetzt werden, und zwar, da die Treasury auch weiterhin jeden britischen Alleingang kategorisch ablehnte, zunehmend in die Richtung einer möglichst globalen Beteiligung, die schließlich bei der Brüsseler Völ­kerbundsfinanzkonferenz vom September/Oktober 1920 gegeben war. Hier wurde endlich entsprechend den Vorstellungen von Treasury und Bank of England „die Notwendigkeit der Sanierung der eigenen Finanzen durch Retrenchment in jedem der beteiligten [39] Staaten ... eindrucksvoll unterstrichen“ und eine „staatliche Beteiligung an den internationalen Krediten auf ein Mindestmaß beschränkt“ 140). Kredite zum Ankauf von Rohstoffen und anderen unentbehrlichen Be­darfsartikeln, wie sie der in Brüssel beschlossene Ter-Meulen-Plan vorsah, waren allerdings nicht geeignet, eine Sanierung der österreichischen Staatsfinanzen herbeizuführen. Goode legte deshalb Anfang November 1920 einen weiteren Sanierungsplan vor, der die Treasury erneut mit dem Problem einer direkten finanziellen Unterstützung Österreichs konfron­tierte. Angesichts der Tatsache, daß Großbritannien im Rahmen des Inter­national Relief Scheme 5,5 Millionen und außerdem 4,7 Millionen von den insgesamt 12,5 Millionen £, die 1919 für den europäischen Wiederaufbau bewilligt worden waren, für Österreich aufgewandt hatte, erklärte Cham­berlain in einem dem Kabinett vorgelegten Memorandum: „I feel strongly that the time has come to take a definite stand on the ground that the British Government cannot place further burdens on the British taxpayer for the benefit of Austria“ 141). Das Kabinett folgte der Linie des Schatz­kanzlers und entschied sich, unter dem Hinweis auf die Untätigkeit Frank­reichs und Italiens, gegen eine weitere britische Finanzhilfe. Der öster­reichische Gesandte Georg Franckenstein mußte deshalb im Dezember 1920 nach Wien berichten, „daß sich England nicht dazu entschließen kann, uns einseitig und allein große Kredite zu gewähren, die vor allem einem französischen Interesse zu dienen bestimmt wären, nämlich uns vom An­schluß abzuhalten“ 142). Damit war von seiten Großbritanniens endgültig der Weg hin zu einer Internationalisierung der Sanierung der österreichischen Volkswirtschaft vorgezeichnet. Dennoch sollte es noch zwei Jahre dauern, bis im Oktober 1922 die Genfer Protokolle unterzeichnet wurden. Erst dann erhielt Öster­reich einen international garantierten Kredit in der Höhe von 650 Millio­nen Goldkronen, mußte aber gleichzeitig einen Teil seiner Finanzhoheit wo) Ebenda 143. wi) Memorandum Chamberlains, 1920 November 23: PRO Tr 160 57. 142) Franckenstein an Außenamt (Wien), 1920 Dezember 18: Gottlieb Lad­ner Seipel als Überwinder der Staatskrise vom Sommer 1922. Zur Geschichte der Entstehung der Genfer Protokolle vom 4. Oktober 1922 (Publikationen des österreichischen Instituts für Zeitgeschichte 1, Wien—Graz 1964) 17.

Next

/
Oldalképek
Tartalom