Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919
Britische Österreichpolitik 1919 287 einem Völkerbundskommissar übergeben und zu sozialpolitisch einschneidenden Restriktionsmaßnahmen greifen. Der österreichische Staatshaushalt wurde dadurch wohl vorübergehend saniert, die strukturellen Schwächen der österreichischen Volkswirtschaft traten jedoch während der Großen Depression von neuem in den Vordergrund und führten, da die Re- trenchment-Politik fortgesetzt wurde, in die durch hohe Arbeitslosenzahlen und politischen Radikalismus geprägte soziale Krise der frühen Dreißigerjahre 14s). Den britischen Bemühungen um eine Lösung des österreichischen „Sozial- und Wirtschaftsproblems“ war somit langfristig gesehen nur ein teilweiser und vorübergehender Erfolg beschieden. Eine gesunde und eigenständige österreichische Volkswirtschaft konnte sich erst im Gefolge des internationalen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg entwickeln, wobei die Erfahrungen aus der verfehlten Reconstruction-Politik der Zwischenkriegszeit insofern eine Rolle spielten, als sie den amerikanischen Entschluß zur Gewährung umfangreicher Kredithilfen im Rahmen des Marshall-Plans wesentlich beeinflußten. Die gegenwärtigen Wirtschafts- und Zahlungsbilanzschwierigkeiten Großbritanniens sind im übrigen die direkte Fortsetzung jener nach dem Ersten Weltkrieg einsetzenden und bis heute kontinuierlich fortschreitenden Anpassungskrise des britischen Wirtschaftssystems, die sich letztlich als bedeutend schwieriger überwindbar erwies als die Probleme des Kleinstaates Österreich nach 1918. 14 14s) Zur sozialdemokratischen Kritik an den Genfer Protokollen siehe u. a. Karl A u s c h Als die Banken fielen. Zur Soziologie der politischen Korruption (Wien—Frankfurt—Zürich 1968).