Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)
HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919
Britische Österreichpolitik 1919 277 Als praktisches Beispiel für die verhängnisvollen Folgen einer von den Siegermächten sanktionierten Rechtsnachfolge führte Headlam-Morley u. a. die Möglichkeit an, daß sich Österreich in Zukunft rechtmäßig als Anwalt der Deutschen in Böhmen betätigen werde102). Eine Anerkennung Österreichs als neuer Staat erleichtere dagegen die Bildung einer Donauförderation wesentlich. Headlam-Morley forderte somit die Friedenskonferenz auf, vom Vorbild des deutschen Vertrags abzuweichen und auch die auf der Grundlage der Rechtskontinuität abgefaßten Wirtschaftsbedingungen den Finanzbestimmungen anzugleichen, denn letztere gingen vernünftigerweise davon aus, daß Österreich ein neuer Staat sei. Diesem Memorandum fügte der britische Experte den Entwurf einer Präambel bei, in der „(German) Austria“ als „a free, sovereign, independent and friendly State“ anerkannt wurde, der seinerseits auf alle Rechte, die aus der Nachfolge der Habsburgermonarchie resultieren könnten, verzichten sollte103). Lloyd George nahm diesen Vorschlag vorerst positiv auf und schlug selbst die Ausarbeitung einer Präambel vor, „rappelant que la Monarchie austro-hongroise a cessé d’exister par la volonté des populations, que les différentes parties de l’Empire austro-hongrois deviennent des Etats ou se joignent ä des Etats déjá existants, l’Autriche n’étant pas autre chose que l’un d’entre eux“ 104). Der britische Premier verlor das Interesse an einer formellen Gleichstellung aller Nachfolgestaaten aber, nachdem ihm der tschechoslowakische Außenminister Eduard Benes versichert hatte, daß die Tschechoslowakei von sich aus bereit sein würde, „[to pay] a contribution towards the expenses of the war which was a war of liberation for Czecho-Slovakia“ 105). Am 31. Mai stimmte er deshalb einer von Orlando eingebrachten Kompromißformel zu, in der festgestellt wurde: „ ... the former Austro-Hungarian Monarchy has now ceased to exist, and has been replaced in Austria by a Republican Government“ loe). Headlam-Morley sah zwischen dieser Formulierung und seinem *02) Ebenda. Headlam-Morley argumentierte allerdings in der territorialhistorischen Nationalstaatsideologie westeuropäischer Provenienz und übersah, daß die Österreicher ihre Forderungen auf national-ethnischer Grundlage stellten: Vgl. dazu Haas Österreich-Ungarn als Friedensproblem 363 und 366 und Georg E. Schmid Selbstbestimmung 1919. Anmerkungen zur historischen Dimension und Relevanz eines politischen Schlagwortes in Versailles—St. Ger- main-Trianon. Umbruch in Mitteleuropa vor 50 Jahren, hg. von Karl Bosl (Wien 1971) 127—142. ms) Entwurf Headlam-Morleys für eine Präambel, 1919 Mai 26: PRO FO 608 19/10950. i°4) Counseil des Quatre, 1919 Mai 26: Mantoux Les délibérations 2 (1955) 216. ms) Council of Four, 1919 Mai 27: PPC, FR 6 66. 106) Council of Four, 1919 Mai 31: ebenda 130; zur Entstehung der Präambel vgl. Haas Österreich-Ungarn als Friedensproblem 95—99 und Stadler Hypothek 64—72.