Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

278 Robert Hoffmann eigenen Standpunkt keinen unüberbrückbaren Widerspruch107) und ver­suchte in den folgenden Monaten weiterhin, die Rechtsnachfolge aus dem Friedensvertrag auszuklammern 108), wobei er allerdings auch innerhalb der britischen Delegation auf Kritik stieß. Lewis B. Namier, ebenfalls Historiker und der nationalstaatlich-gesinnten New-Europe-Gruppe nahe­stehend, entgegnete: Die Habsburgermonarchie „has grown out of the pro­vinces to which German Austria is now being reduced“. Der österreichische Staat habe damit im großen und ganzen zu den Grenzen von 1526 zurück­gefunden. Außerdem strich Namier die besondere historische Verantwor­tung der Deutschösterreicher heraus: „The Austrian Germans were always strongly conscious of standing in a different relation to the Austrian State than did the other nationalities ... The Germans were invariably ,die Träger des österreichischen Staatsgedan- kens‘ ... They cannot suddenly change their ground because it suits them to do so. It would be Wrong to say that any of the new States starts an absolutely new political existence. They merely resume an existence broken by the action of the Habsburgs who had therein the support of the German Austrians. Were German Austria to be allowed to refuse the personality of the old Austrian State, it would indeed be the only one among the new States with­out an historical past“ 109). Headlam-Morley versicherte dem in Galizien geborenen Namier, daß er im Falle der Tschechoslowakei eine innere historische Kontinuität zwischen der neuen Republik und dem alten Königreich Böhmen keineswegs be­streite. Auf der anderen Seite habe aber seit 300 Jahren kein böhmischer Staat existiert und die Tschechoslowakei müsse deshalb auf internationa­ler Ebene als neuer Staat anerkannt werden. Österreich wollte Headlam- Morley jedenfalls ebenso behandelt sehen, denn: „If I were an Austrian, I should certainly claim that the new Government was the direct successor of the old Government of Upper and Lower Austria and the other terri­tories which go with it“ 110). Diese Ansicht vermochte sich allerdings ge­gen den Widerstand Frankreichs, Italiens und der alliierten Nachfolge­staaten nicht durchzusetzen. Der neue britische Delegationsleiter Balfour entschied sich nach einigem Zögern schließlich doch für den Standpunkt einer teilweisen Rechtsnachfolge Österreichs und verkündete zur großen Beruhigung der französischen und italienischen Delegierten, daß zwischen 10 107) Note Headlam-Morleys für Balfour, 1919 August 24: PRO FO 608 22/18434. los) Weitere Memoranden Headlam-Morleys: Memorandum on the Draft Treaty with Austria and the Notes presented by the Delegation of the Austrian Republic, 1919 Juni 27 und Memorandum on possible Concessions to Austria, 1919 Juli 30: beide PRO FO 608 20/13812. Der Verfasser setzte sich hier sogar für den Verbleib Südtirols bei Österreich ein. io») Memorandum L. B. Namiers, 1919 Mai 31: PRO FO 608 19/11635. no) Notiz Headlam-Morleys, 1919 Juni 30: ebenda.

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