Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

NECK, Rudolf: Archivalienausstellungen und Zeitgeschichte. Archivarische Klarstellungen zu Manfried Rauchensteiners „Thesen zur Ausstellung des Österreichischen Staatsarchivs“

Archivalienausstellungen und Zeitgeschichte 495 Maß auf zeitgeschichtliche Themen zu, da die modernen Akten dem Auge in der Regel noch weniger ornamentale Elemente bieten als die Quellen früherer Jahrhunderte. Eine Archivausstellung wird daher von vorneherein andere Kriterien auf­weisen als eine Ausstellung allgemeiner Art, besonders aber, wenn sie Do­kumente der neuesten Zeit vorlegt. Der Kreis der zu erwartenden Be­sucher bleibt ja auch eher auf historisch Interessierte und Informierte be­schränkt. Dies fällt allerdings bei Themen der Zeitgeschichte weniger ins Gewicht, die auch in breiteren Kreisen einen gewissen Anklang finden; dafür bieten Archivalienausstellungen über Mittelalter oder frühere Neu­zeit freilich wieder mehr ästhetisch attraktivere Objekte. Dazu kommt noch die leidige finanzielle Seite. Es ist die primäre Auf­gabe von Archiven, die Schriftbestände zu ordnen, zu pflegen und zu ver­walten und der Forschung und Administration zu erschließen und zur Verfügung zu stellen. Ausstellungen, so wünschenswert sie als Öffent­lichkeitsarbeit im Interesse der Archive sein mögen, erscheinen in der Rangliste archivarischer Pflichten weit unten. Damit sind sowohl der Aus­gestaltung als auch der Propagierung einer Ausstellung von Archivgut, vor allem aber auch der Redaktion des Kataloges engste Grenzen gesetzt. Wenn es sich nicht um Dauerausstellungen wie die früheren im Haus-, Hof- und Staatsarchiv handelt, wo im Verlauf von Jahren, ja Jahrzehnten ein gewisser Mindestabsatz zu erwarten war, muß man sich hier mit einer ganz kleinen, in der Aufmachung billigen und bescheidenen Auflage be­gnügen, deren Drucklegung sehr wenig kosten darf. Wenn Rauchensteiner sich erkundigt hätte, was die von ihm angezeigte Ausstellung das Staatsarchiv kosten durfte und gekostet hat, hätte er wohl viele der zweifellos zahlreich vorhandenen Mängel milder beurteilt. Für die Gestalter der Ausstellung gab es nur die Alternative, mit den vor­handenen Mitteln das Auslangen zu finden oder überhaupt auf das Pro­jekt zu verzichten. Wir haben uns für die Durchführung entschlossen, und das Echo in der Öffentlichkeit, vor allem aber die Besucherzahlen scheinen uns dabei in der Folge recht gegeben zu haben. Archivausstellun­gen sind für uns nun einmal eine der wenigen und bescheidenen Mög­lichkeiten, breitere Kreise für das Archivwesen zu interessieren, und gera­de eine zeitgeschichtliche Ausstellung scheint dazu ganz besonders ge­eignet. Die Ausstellung über 1934 sollte zudem durch die Ausbreitung der an sich leicht lesbaren Stücke (die Mehrzahl in Maschinschrift!) den Besucher, der ja in der Regel kein Archivbenützer und Forscher ist, ein- laden und veranlassen, sich näher mit dem Inhalt der Exponate im De­tail zu beschäftigen. Insofern war diese Lese-Ausstellung ein völlig neuer Versuch, der, wie man aus zahlreichen Beobachtungen und Anfragen feststellen konnte, nicht ohne Erfolg blieb. Daß gerade hier ein Katalog am Platz gewesen wäre, der ausführlicher und wissenschaftlichen Ansprüchen mehr gerecht hätte gestaltet werden sollen, ist nicht zu bestreiten. Aber abgesehen von den Geldmitteln fehlte und fehlt es auch hier an genügender Zeit für die Vorbereitung, und der Wunsch nach einem wissenschaftlichen Apparat, nach Erläuterungen und Literaturangaben und gar die Anregung, noch eigene wissenschaftliche Abhandlungen darin aufzunehmen, können nur von einem kritischen Geist

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