Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 28. (1975) - Festschrift für Walter Goldinger

THOMAS, Christiane: Acta Extera Caroli V. Geschichte eines gescheiterten Archivunternehmens

406 Christiane Thomas Archivar, jedem Forscher, der sich einmal mit den frühen Registraturen Karls beschäf­tigt hat, fallen die sterotyp wiederkehrenden Beschriftungen „100/1921“ in Kombina­tion mit dem Titelwort und der Faszikelnummer der betreffenden Abteilung auf den Originalen auf, wie z. B.,,Belgien PA 93/4 100/1921“. Unter der zweiten Zahlengruppe ist der Kurrentakt der Sonderreihe Acta Extera zu verstehen, mit dem alle Regelungen für die Aushebetätigkeit getroffen worden waren. Zusätzlich zur vorhandenen Folüe- rung bot die Ziffer nach der Faszikelnummer eine zweite Gewähr, daß das Schrift­stück später richtig eingelegt werden würde: Beim angeführten Beispiel handelt es sich um den vierten dem Faszikel entnommenen Akt. Die chronologische Aneinander­reihung der gesammelten Akten vermischte zwar zahlreiche Archivkörper, doch war die Provenienz jedes Einzelstückes kenntlich gemacht. Die eingefügten Steckzettel oder „Schleifen“ wiederholten die fortlaufende Nummer im Faszikel und die Bestim­mungszahl 100/1921 und wurden außerdem mit dem Datum des Originalaktes verse­hen72). Beschriftung auf dem Akt und Gegenbeschriftung auf der „Schleife“ sollten wechselweise Garantien beim Auflösen einer Aktenreihe und dem Aufbau einer neuen bieten. Daß sie zur Sicherung nicht ausreichten, läßt sich heute noch z. B. an Faszikel PA 93 der Belgica beobachten, wo die wieder eingelegten Dokumente weder die Nummernabfolge, noch aber statt dessen etwa eine neu eingeführte zeitliche Reihung erkennen lassen und zahlreiche Folien fehlen73). Ein bezeichnendes Licht auf die Schwierigkeiten, die sich bei der Wiedereinordnung stellten, wirft eine diesbezügliche Bemerkung Brandis, der hoffte, daß man sich nicht geirrt habe74). Die Hoffnung trog: In Karton 1 der Staatenabteilungen England-Hofkorrespondenz z. B. findet sich der typische Streifen mit den Aushebevermerken für di e Acta Extera75). Die übrigen Richtlinien sollten Bittner und Mayr jederzeit über Stand und Fortschritt der Materialsichtung auf dem laufenden halten. Die Überprüfung jedes einzelnen Fas­zikels wurde durch einen „Abteilungszettel“ festgehalten, auf dem unter Nennung von Bestand, Lókat und Faszikelnummer der Bearbeiter mit seiner Unterschrift die Durch­suchung bis 31. Dezember 1525 bestätigte. Jedes ausgewählte Dokument wurde mit ei­nem ebenfalls Unterzeichneten „Stückzettel“ aufgenommen, sodaß eine chronologische Zettelkartei einen ersten Anhaltspunkt über die vorhandene Aktenanzahl bot. Die Su­che erstreckte sich nicht nur auf Archivkörper rein diplomatischen Inhalts, wie die Länderserien der Staatenabteilungen oder die Belgica, sondern wurde unter anderem auch auf den Reichshofrat, das Habsburg-Lothringische Familienarchiv, die Hand­schriften und die Österreichischen Akten ausgedehnt. Dort, wo wenig Wahrscheinlich­keit bestand, Passendes zu finden, genügte es, die Repertorien durchzugehen76). Das Aktensammeln setzte sofort ein. Daß Mitis Ende März 1921 diesen Ab­schnitt als fast vollendet nach Paris meldete77), entsprach allerdings nicht der Wahrheit und sollte die Zusicherung der Veröffentlichung erwirken. Be­greiflicherweise hatte man nicht die Absicht, aufs Geratewohl die Mühe des 72) ZI. 100/1921. 73) So umfaßt Konvolut b nur: fol. 4-8, 15-17, 20-39, 43-46, 48-49, 52-54, 59-62, 76-113, 118-131, 136, 138-141, 144-147, 149-162. Eine Kontrolle mit Hilfe des ge­druckten Inventars (Oskar Schmid Belgien in Gesamtinventar 4 [1938] 201 f) ist nicht möglich, da Schmids Aufstellung die einzelnen Registraturen rekonstruierte. In den Konvoluten ist diese Gliederung nach Kanzleien nicht gegeben. 74) Karl Brandi Die Überlieferung der Akten Karls im Haus-, Hof- und Staatsar­chiv 'Wien. Zweiter Bericht in Berichte und Studien 1 20 Anm. 1. 75) Konvolut Maria von England an Maria von Ungarn fol. 2: hellblaue Schleife „11) 1524 VIII 30 100/1921“ (Handschrift Mayrs). 76) ZI. 100/1921. Abteilungs- und Stückzettel heute noch vorhanden. 77) ZI. 412/1921: Oskar Mitis an Elesina Tyler, 1921 März 26 Wien.

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