Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung
490 Literaturberichte Weit weniger Sympathie erregt bei S. die englische Politik, deren Schwanken, Arroganz und Unaufrichtigkeit er immer wieder anprangert. Diese Aspekte nehmen ein derart erschreckendes Ausmaß an, daß man fast geneigt wäre, dem Autor eine anglophobe Einstellung zu unterschieben, wenn er sie nicht stets unanfechtbar aus den Quellen belegte. Die tief eingewurzelte Abneigung des protestantischen, liberalen und demokratischen England gegen das katholische, konservative und absolutistische Österreich bildete offensichtlich trotz gelegentlicher Verbesserung der offiziellen Beziehungen eine unveränderliche Konstante der englischen Geisteshaltung und war wohl einer der Hauptgründe für das Scheitern der Politik Buols. Im Schlußkapitel erörtert S. sehr eingehend, daß die Ideen Englands, vor allem der Whigs, für die Neugestaltung Europas im allgemeinen und Mitteleuropas im besonderen völlig falsch gewesen seien, besonders die Meinung, Österreich könne seine inneren Probleme lösen, wenn es sich aus Deutschland und Italien zurückziehe und dem Balkan zuwende. Ein unter Preußen geeinigtes Deutschland habe sich als Gefahr für Europa erwiesen und die Zeit Bismarcks nur deshalb den Frieden gebracht, weil der Reichskanzler nicht den britischen Wünschen nach Liberalisierung gefolgt sei, sondern den Nationalismus nach dem Gelingen der Einigung Deutschlands im Zaum gehalten und die konservativen Bande zu Rußland gepflegt habe. Besonders scharf geht S. mit Napoleon III. ins Gericht, der die günstige Stellung Frankreichs um 1856 durch seine Träume, Europa auf nationaler Basis neu organisieren zu können, total ruiniert habe. 1870 sei die logische Konsequenz seiner Politik gewesen, ja im Vergleich zu Napoleon erschienen selbst Bismarcks Nachfolger in günstigem Lichte. Die Hauptschuld an dem Scheitern des europäischen Konzertes der Mächte während des Krimkrieges weist S. England zu. Dieses war die einzige Macht, die dauernd die Regeln verletzte und die Krise zur Konfrontation der Großmächte steigern wollte. Daß man dies bisher nicht erkannt habe, liege, so meint S., an falschen Vorstellungen über das Gleichgewicht der Mächte. Einen wirklichen oder potentiellen Angreifer mit überwältigender Macht niederzuzwingen, sei nur dann der einzige Weg, einen Krieg zu verhindern, wenn es kein Konzert der Mächte gebe. Letzteres sei bei weitem vorzuziehen und bestehe darin, daß man dem Agressor die Gruppennorm gegenüberstelle, die er selbst anerkannt habe, daß man Übereinstimmung damit belohne und Abweichungen bestrafe. Als falsch bezeichnet S. die Auffassung, der Krimkrieg sei bloß ein Streit zwischen Rußland und England gewesen. Spätestens seit der Besetzung der Donaufürstentümer habe es sich um ein europäisches Problem gehandelt. Jedenfalls hat die Arbeit Ss sowohl durch die intensive Erforschung der Quellen als auch durch die sehr anregende Interpretation viele ganz neue Aspekte eröffnet und das Verständnis dieser für die Geschichte des 19. Jahrhunderts so wichtigen Zeit entscheidend vertieft. Eine umfassende „selektive“ Bibliographie, mehrere Karten und Abbildungen (vor allem der Hauptakteure) ergänzen die Darstellung. Walter Wagner (Wien)