Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

Rezensionen 489 Politik eine eigenartige Mischung von Prestigedenken, Machtstreben und idealistischen, ja utopischen Weltverbesserungsplänen der Whigs dar­stellte, ohne daß eine klare Vorstellung darüber vorhanden gewesen wäre, was man an die Stelle des zerstörten Konzertes der Mächte setzen solle. Neben diesen beiden Mächten treten die übrigen in Ss Darstellung sehr stark in den Hintergrund, vor allem die Politik Rußlands und der Türkei wird bloß angedeutet, diejenige Preußens und der deutschen Staaten etwas ausführlicher gestreift, während Frankreich deutlicher Gestalt annimmt. Bemerkenswert ist die große Rolle der Botschafter, die vielfach geradezu eine eigene Politik betrieben — vor allem Redcliffe in Konstantinopel — und einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung nahmen. Auffallend farblos gerät die Gestalt Kaiser Franz Josephs. Ohne der von S. im Austrian History Yearbook 8 (1972) kritisierten Meinung Bernhard Unckels (Österreich und der Krimkrieg; siehe Rezension in MÖStA 24 [1971] 520 f) das Wort reden zu wollen, scheint mir doch die Frage des Anteils des Monarchen und Buols an der Außenpolitik Österreichs bei S. zu sehr vernachlässigt zu sein und noch einer genaueren Analyse zu be­dürfen. Überhaupt dürfte der Autor fast ein wenig parteiisch für Buol sein, dessen Fehler und Mängel er zwar nicht bestreitet, aber doch mög­lichst zu entschuldigen trachtet. Dabei zeigen sich gelegentlich sogar ge­wisse Widersprüche, so wenn in der Darstellung des Ablaufs der Ereig­nisse wiederholt auf die Erniedrigungen hingewiesen wird, die Buol vor allem von seiten Englands immer wieder hinnahm, ohne deswegen seine prowestliche Politik zu ändern; anderseits schreibt S. im Schlußkapitel, Buol sei immer auf seine und Österreichs Würde bedacht gewesen. Trotz dieser leichten Einwände ist Ss Grundthese sehr einleuchtend und überzeugend, daß nämlich Buols Politik durchaus nicht, wie man bisher meist annahm, dauernd schwankte, sondern vielmehr äußerst konsequent die Aufrechterhaltung des „Konzerts der Mächte“ durch Zusammenarbeit mit dem Westen anstrebte, selbst als er das Scheitern dieser Politik bereits erkennen mußte. Überhaupt ist das Verständnis für die Lage und Proble­matik der Habsburgermonarchie bei S. geradezu verblüffend stark ausge­prägt, so etwa, wenn er in dem einleitenden Kapitel die Empörung in England über die Unterdrückung der ungarischen Revolution 1848/49 als Ergebnis einer geschickten magyarischen Propaganda und als Anwendung eines doppelten Maßstabes bezeichnet, da die Vorgangsweise Österreichs, nämlich Bestrafung der Hauptschuldigen und Milde gegen die Mitläufer, genau jener Politik entspreche, durch die sich Canning in Indien die Be­zeichnung „Clemency-Canning“ erworben habe. Ebenso geißelt er wieder­holt die agressive und herausfordernde Politik Sardiniens und erklärt, Sardinien hätte überhaupt nur durch den Verzicht auf die italienischen Besitzungen Österreichs versöhnt werden können, ja er beurteilt die Vor­herrschaft Österreichs in Deutschland und Italien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts äußerst positiv, weil dadurch das Vakuum in der Mitte Europas ausgefüllt und eine Pufferzone zwischen dem autókra tischen Osten und dem liberalen Westen gewährleistet war. Allerdings habe der Neoabsolutismus die besten Möglichkeiten für eine innere Entwicklung verbaut, obwohl er nirgends bloß reaktionär gehandelt habe.

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